Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 14.1896

Seite: 73
DOI Heft: 10.11588/diglit.15913.43
DOI Artikel: 10.11588/diglit.15913.45
DOI Seite: 10.11588/diglit.15913#0086
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/afck1896/0086
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
0.5
1 cm
facsimile
73

taube. Mit Unterstützung S. K. H. des
Fürsten Leopold von Hohenzollern beraus-
gegebeu von Or. Paul Weber (XII und
'lOO S.). Dariustadt, Bergsträßer 1896
(Preis: 8 M.).

Nachdem der Verfasser vorläufig über
die Lage von Burgfelden mit der nahen
Schalksburg und die ersten urkundlichen
Bezeugungen dieser beiden Namen orieutirt
hat, gibt er eine genaue, durch zahlreiche
Illustrationen erläuterte Beschreibung des
Kirchleins. Daß Thurm und Langhaus
nicht gleichzeitig entstanden, ist zweifellos,
und der Verfasser wahrt mit Recht dem
Thurm die Priorität. Die lange Leidens-
geschichte des Langhauses bis zu dem Zeit-
punkt, wo es zum Tod und Abbruch ver-
urtheilt wurde und in letzter Stunde noch
durch die Enthüllung des lange unter der
Tünche geborgenen Geheimnisses, durch
die Offenbarung des treu behüteten Ge-
mäldeschatzeö sieh das Leben rettete und
in Staatsfürsorge übernommen wurde,
gehört zu den ergreifenden Episoden der
Kunstgeschichte. Leider Gottes erfuhr der
arme Bau, auch nachdem sein Werth er-
kannt und er in die Pflege des Staates
übergegangen war, durchaus nicht sogleich
jene Fürsorge, auf welche er seines ehr-
würdigen Alters wegen ein Anrecht hatte;
noch volle anderthalb Jahre dauerte sein
Marlyritim. Nachdem er Jahrhunderte
unter dem Sklavenjoch eines für seine
edlen Glieder viel zil schweren Dachstuhls
geseufzt hatte, unter dessen Druck er zn-
sammeuzubrecheu drohte, ließ malt ihn,
jedes Obdachs beraubt, in diesem rauhen
Klima in Wind und Wetter stehen; Ge-
witter und Wolkenbrüche entluden sich
über ihin; ein langer regenreicher Sommer
ilnd ein harter Winter gieugeit über ihn
hin; kein Wunder, daß sein einziger
Schmnck und Besitz, das dünne, zerrissene,
von Alter und Tünche gebleichte Farben-
hemdchen, noch mehr in Fetzen gieug 1111b
noch mehr abblaßte.

Im dritten Kapitel stellt der Verfasser
iit Wort und Bild beit ganzen Gemälde-
cyklus zusammen. Die Zeichnungen der
Tafeln und im Texte geben lnit ziemlicher
Genauigkeit alles Vorhandene bis aus die
letzten Reste und sind von bleibendem
Werthe, der sich noch steigern wird, falls
die Malereien noch mehr verschwinden nub

vergehen sollten; sie sind weit zuverlässiger
als die in der Stuttgarter Alterthümer-
sammlung befindlichen Eopieu; die dortige
Wiedergabe der Kampfesscene nennt der
Verfasser „eiil wissenschaftlich gefährliches
Machwerk, großeutheils ans der Tiefe des
Gemüths geschöpft" (S. 25). Ganz be-
sonders dankenswerth ist die im Titelbild
gegebene farbige Reproduktion des Haupt-
bildes, des jüngsten Gerichts, welche aus-
gezeichnet gelungen ist (Chromolithographie
von Werner und Winter in Frankfurt
a. M.) und den vollen Eindruck des Ori-
ginals im heutigen Zustand richtig ver-
mittelt. Es lassen sich heute noch 15 Dar-
stellungen unterscheiden, deren Deutung
mit wenigen Ausnahmen keine besondere
Schwierigkeit bereitet. Ans der Süd- und
Nordwaud schließen sich unmittelbar ans
Weltgerichtsbild bezw. an die Darstellung
von Himmel und Hölle zwei Sceueu an,
von welchen nur mehr wenige Striche er-
halten sind; die Vermuthung des Ver-
fassers, daß aus der einen Leite der reiche
Prasser im höllischen Feuer, auf der an-
dern der arme Lazarus im Schooße Ab-
rahams dargestellt gewesen sei, ist sehr
plausibel und wird durch gleichzeitige Ana-
loga gestützt.

Die Kampfesscene auf der Südwand,
in drei Episoden zertheilt, und die zwei
folgenden Darstellungen deutet der Ver-
fasser mit mir ans die apokalyptischen
Kämpfe, den Sturz Satans biud) den
Erzengel Michael und aus das Lamm auf
dem Berge Sion. Ebenso erkennt er in
den folgenden Scenen die Parabel vom
reichen Prasser und armen Lazarus. Daß
der Teufel mit einem Schürhaken in der
Brust des sterbenden Prassers wühlt,
konnte der Verfasser nickt mehr erkennen;
ich erinnere mich aber sehr genau, dieß
noch deutlich gesehen zu haben. Dagegen
ergänzt der Verfasser ineine Wahrneh-
mungen in einem wichtigen Punkt: die
letzte Scene der Südwand stellte zweifel-
los das selige Ende des armen Lazarus
dar, dessen Seele zwei Engel in ^Abra-
hams Schooß tragen. Ebenso berichtigt
er meine Deutung der gleichmäßig in eine
Art Gestühl vertheilten Figureureihe aus
der Nordwand; es ist zweifellos, daß das
nicht die Apostel, sondern alttestamentliche
Propheten sind.
loading ...