Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 14.1896

Seite: 79
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Besonderheiten, aber einen charakteristischen
Unterschied dürften sie nicht begründen.
Ebensowenig das Lendentuch, das, bald
rechts, balds links in einen Knoten ge-
schlungen, bald in der Mitte geschürzt,
das eine- und auderemal (so in Freuden-
stadt, Tiefenbronn) anch mitten durchge-
zogen, nach spätgothischer Art malerisch
in die Lüfte flattert, bei dem Rohrdorfer
Bild an seinem rechten Ende senkrecht in
die Höhe geschwellt wird und nur bei dem
Blanbeuren-Stuttgarter in ruhig fließenden
Falten, der Schwere des Leibes folgend,
herabfällt. — Ebensowenig die Dornen-
krone, welche in Freu-
denstadt ans gefloch-
tenen Zweigen mit Dor-
nen besteht, also wie
auf dem Dürer'scheu
Kreuzbilde ganz natura-
listisch behandelt ist, wäh-
rend in Heilbronn (und
ähnlich, nur nicht so re-
gelmäßig, in Schwai-
gern) das glatte Ge-
,zweige in wagrechten
Lage» lückenlos ans ein-
ander geschichtet und nur
vorne durch ein Band
zusammengehalten ist,
und in Nohrdorf ein
w i ld es, d o rn en l o seöW n r-
zelwerk, das indessen
doch etwas von einer
ordnenden Hand verrälh,
das blutige Haupt über-
wuchert.

Doch treten alle diese
äußern Znlhatcn zurück
hinter der Haarbehand-
lung, die ans dem Gebiete der Plastik stets
ein Prüfstein feinen Geschmackes und für eine
noch nicht durchaus geübte Hand eine gefähr-
liche Klippe war und fein wird. Haar
tu stilisirter Form haben wir nur in dem
zuletzt genannten Falle, wo es das eigen-
artige Gestrüppe von Dornenkrone fast
wie ein vegetabilisches Flechtwerk fortsetzt.
Dagegen zeigt es sich in unübertroffener
n a t ür li ch er Schönheit in Schwaigern,
wo es in zwei Prachtlocken, zu beiden
Seiten gleich stark, tief bis auf die Brust
herabrollt. In andern Fällen (wie in
Freudenstadt, Heilbronn) sind es dünnere

biegsame Flechten oder auch langgezogene
Locken — sie sind in Freudenstadt wohl
vom Blute befeuchtet zu denken — welche
in zartfühlender Abwägung, rechts voller,
links sparsamer, Gesicht und Hals um-
sänmen. In Maulbronn ist es die Fülle
ambrosischer Locken, in Tiefenbrvnn dichter
Haarwuchs, welcher verschwenderisch rings-
um das Haupt des göttlichen Dulders
umwallt. Der neben der Lockenfülle fein
maßhaltende Bart, geschmackvoll gekräuselt,
oder zierlich gerollt — der Rohrdorfer
Kruzifixns bleibt hier aus dem Spiele,
da er nur einen' ganz dünnen Haaranflug
um das Kinn zeigt —
spitzt sich regelmäßig
zu ltiib spaltet sich
meist (vergl. Heilbronn,
Schwaigern, Maul-
bronn) in zwei gelockte
Hälften. Welche An-
ordnung des Haares
übrigens im einzelnen
Fall unsere Meister
belieben: ob in großen
effektvollen Massen, ob
ruhiger und maßvoller,
stets erscheint diese
Zierde auf dem Haupte,
zu dem sie gehört, wie
gewachsen, „lebendig
Theil von seinem Le-
ben". Ob daher die
Meinung abzuleiten ist,
das Haupt des Zwie-
falter Schmerzensman-
nes trage natürliches
Haar? — Wir kön-
nen also in Bezug auf
dieses wichtige Kapitel
nur dasselbe sagen wie in Betreff des
hervorragend schönen Schutzkleides um
die Hüften oder in Betreff selbst der
kleinsten Einzelheiten, die wir bis jetzt
betrachtet haben und die moderne Kunst-
jünger meist stiefmütterlich behandeln, wäh-
rend unsere alten Meister nie vergaßen,
daß viele Kleinigkeiten die Vollkommenheit
ausmachen, wir können nur sagen: Es
wird es ihnen, was die materielle Aus-
führung betrifft, heutzutage (im Zeitalter
des Realismus!) nicht so leicht irgend
jemand nachthun. Und dieses Zeugniß
gilt, soweit es sich namentlich auf die so

Tieseilbrviin.
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