Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 14.1896

Seite: 80
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schwierige Haarbehandlung erstreckt, fast
in ganz gleichem Umsang von unseren
schwäbischer! Bildschnitzern zweiten Ranges,
man denke nur an das in üppiger Fülle
gerollte Haar des Kruzistxus zn Bracken-
heim.

Wo werden wir also die Unterschiede
finden, Unterschiede der „Mache" oder der
Komposition, wie solche die Knnstforscher
nach dem Grundsätze Divide et impera
brauchen, um Werte, namentlich ver-
wandter Art, gegen einander abzngrenzen
und abznwägen? Etwa in der Jnsce-
niernng dieser Bilder, wenn man so sagen
kann? :— Allein gerade diese zeigt die
größte Gleichförmigkeit. Das dornge-
krönte Haupt rechtshin geneigt, da und
dort zugleich mit einer leichten Beugung
nach vorwärts, die Arme in säst wagrechter
Stellung, die Füße ohne Fußbreit, den
rechten zn oberst, übereinander gelegt, so
daß ein einziger Nagel beide durchbohrt;
rechts, gerade unterhalb des Brustbeines,
die Seitenwnnde — auch wo der Heiland
noch lebt, ist sie anticipando angebracht
— so hängt in allen diesen schwäbischen
Werten der hl. Leib am Kreuz — edel,
gerade, einfach. Alles Geschraubte und
Uebertriebene, worin sich die heutige Zeit
gefällt und das allein schon hinreicht, den
welterschütternden Vorgang herabzndrücken,
ist ausgeschlossen. Keine verkrünnnten
Leiber, kein krampshastes Heraufziehen
der Füße, kein schmerzlich zurückgeworfener
Kops, womit uns so vielfach die realistische
Spätrenaissance beschenkte — in der un-
gezwungensten Haltung ohne alle drastischen
Effekte gewinnt der göttliche Dulder anr
sichersten unser Herz!

Um auf das Anatomische näher einzu-
gehen, so ist das richtige Verhältniß und
der Zusammenhang der einzelnen Theile
sowie die Bildung des Nackten bei der
Mehrzahl dieser Christuskörper über alles
Lob erhaben, bei den übrigen jedenfalls
weit über dem Durchschnitt. Wie höchste
Noblesse und Naturtreue Hand in Hand
gehen können, zeigen Freudenstadt, Zwie-
falten, Nördlingen und namentlich Wib-
lingen : wahre Ideale eines Leibes in solcher
Lage! Der vollendetste Gliederban steht
bei ihnen der geistigen Erbauung so wenig
im Weg, als der Schrnerz der Schönheit
Eintrag thnt, oder das Streben nach

Wirklichkeit der Idee. Bei aller Feinheit
der Auffassung ist in Wiblingen die Haupt-
masse des Körpers und des Nippenkastens
am naturgetreuesten in der Fleischigkeit
seiner Unrhüllung sowohl als in der Struk-
tur der Muskeln und Knochen. Arrs allen
Formen spricht Adel, Freiheit und reines
Verständniß der Gliedmaßen, die sogar das
Geäder hindnrchschimmern lassen. Seiner
durchgreifenden Vollendung nach könnte
man versucht sein, dies Knnstgebilde der
edelsten Renaissance znznschreiben, und doch
hat die Renaissance mit der Natur s o nie
gewetteifert. Aber auch wo noch eine
gewisse Strenge und Härte sich bemerkbar
macht wie bei dem gewiß trefflich model-
lirten Christnskörper von Maulbronn, oder
wo Arme und Hals an anatomischer Ar-
tikulation und Detailbildung etwas ver-
missen lassen — das gilt, jedoch nur in
ganz leichtem Grade, von dem Blanbenrer
Kruzifix im Stuttgarter Alterthumsmuseum
— offenbart sich ein lebhaftes Natnrge-
fühl, aber ein solches, das, nachdem es
die Wirklichkeit hat zn ihrem Recht kommen
lassen, sich znrückhält, um nicht durch zu
rveit getriebene Vollendung der äußeren
Forrn die Betrachtung vom Jdealschönen,
vom göttlichen Urbild abznlenken, in das
der Künstler sie einzig versenken möchte.
Eine solche Selbstbeherrschung scheint der
Meister des vorgenannten Bildes, das ganz
Geist und ganz Schmerz, die verkörperte
Ascese ist, sich anferlegt zn haben. Es
läßt sich nicht leugnen, daß hier etwas
Dürre und Dürftigkeit des Körperlichen
der geistigen Wirkung sogar zrr statten
kommt. Eigentliche Verfehlungen aber
gegen das Schönheitsgesetz weisen nur ge-
wisse Kreuzbilder zweiten Ranges — nur
nicht bezüglich des Kvpfbanes — auf, z. B.
Täferroth, oder dritten Ranges, auch in
der Kopf- und Gesichtsbildung, wie der
gutgemeinte, aber im stärksten und herbsten
Naturalismus stecken gebliebene Christus-
kopf in Kilchberg bei Rottenburg. H
Nicht zufällig ist es, wenn wir von der
anatomischen Fertigkeit unserer Meister
unmittelbar ans die Formation der Köpfe
und ihrer durchgeistigten Gesichter über-
springen. Es ist wohl kaum möglich, so
bemerkt Inngmann in seiner Aesthetik, dein
Gesichtsansdrnck eine hervorragend edle
Gesinnung, übernatürliche Würde und
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