Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 14.1896

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zeuoruameut, welches sich im breiten Band
um die Reliefs schlingt. Es sind die be-
kannten romanischen Zierformen, das stili-
sirte Ornament, mit phantastischen Blumen,
auch das beliebte Kleeblatt darunter, mit
Menschen- und Thiergestalteu, besonders
Löwen und Greisen untermischt; Centauren x)
mahnen an das Stndinm und den Einfluß
der Antike, kurz ein höchst beachtenswerthes
Kunstwerk des 11. oder 12. Jahrhunderts,
der sächsischen Knnstschnle ohne jeden Zwei-
fel angehörend. Uebrigens befindet sich in
Nowgorod (Rußland) eine ähnliche Brouce-
thür, die, mit voller Bestimmtheit kann es
behauptet werden, ebenfalls von deutschen
Künstlern gearbeitet ist.

Das zweite Kunstwerk, das wir hier
beschreiben wollen, ist das Reliqniar, wo-
rin der Kopf des hl. Adalbert aufbewahrt
wird. Bereits im 12. Jahrhundert besaß
der Domschatz einen ans Gold bestehenden,
reich mit Edelsteinen verzierteit kleinen
Sarg für die Reliquien des Heiligen.
Ende des 15. Jahrhunderts war derselbe
indessen, laut Eintragungen in den Ka-
pitularakten, so schadhaft geworden, daß
man an ein neues Reliqitiar denken mußte.
Glücklicherweise besitzen wir drei Urkunden,
welche genau den Hergang der Sache be-
richten: ein Protokoll des Domkapitels
und zwei Dokumente in Posenerit Raths-
büchern aus dem Jahre 1494. Vor allem
überrascht uns die Thatsache, daß das
Reliqniar vo>t einein einheimischen Meister
verfertigt worden ist, was auf eine erfrerl-
liche Blüthe der Goldschmiedeknnst in
Posen am Ende des Mittelalters schließen
läßt?) Das Protokoll berichtet, daß die
Reste des alten Reliqniars dem Meister
Jacob aus Posen zur Reparatur über-
geben worden.

Es war noch vorhanden: 1. Ein acht-
eckiges goldenes Blechstück. 2. Acht vier-
eckige Blechstücke, Seitenstücke des Sarges,
aus Gold. 3. Acht goldene Zwischensänl-
chen; schließlich gab mau noch eine Masse
Gold zur Anfertigung der Kuppel auf dem
Deckel des Sarges. Inden Posener Raths-
akten wird die Goldmasse im Gewichte
angegeben; sie wog 23lls Mark 3^2 Schott,

E Mannthiere genannt; beliebt seit denKreuz-
zügeu als Zierform der romanisch. Kunst. B.d.V.

2) Meister Jacobus ist wahrscheinlich ein
Deutscher gewesen.

ferner gab es 40 Edelsteine unb 8 spanische
Perlen im Gewichte von 1 Mark 7 x/2 Schott.
Für die Arbeit, die am Bartholomänsfeste
fertig sein sollte (das Dokument ist datirt
am 25. Mai 1494), sollte der Meister
100 ungarische Guldeit bekommen; als
Bürgen für die Ueberwachung der Arbeit
werden zwei angesehene Bürger bestellt.
Das Reliqniar ist am 13. November 1494
fertig geworden und wog 5 Schott mehr;
somit hat der Meister noch Gold zuge-
geben. Es ist eine achteckige mit einem
flachen Deckel geschlossene Kapsel, *) die
aus acht goldenen Kügelchen, von der Größe
einer Waldnuß, ruht. Darstellungen aus
dem Leben des hl. Adalbert, die eine große
Aehnlichkeit mit den Reliefs der „goldenen
Pforte" zeigen, zieren die acht Seiten der
Kapsel. Jedenfalls ist das Reliqniar, wel-
ches, itoch jetzt unversehrt, eine Zierde des
Gnesener Domschatzes ist, ein Beweis da-
für, daß die Goldschmiedeknnst in Posen
am Ende des 15. Jahrhunderts bereits
eine hohe Blüthe erreicht hat. Im Laufe
des 16.Jahrhunderts hat selbst ein Posener
Goldschmied, Namens Erasmus Kamper,
Musterbücher resp. Vorlagen, nach Nürn-
berger Art, für Goldschmiede heransge-
geben. Dieselben befinden sich, 26 an der
Zahl, in der Bibliothek des Gewerbemnsenms
in Berlin und sind für die Entwicklung
der Kleinkunst der Renaissance so charak-
teristisch , daß wir eine besondere Studie
ihnen weihen wollen.

v. Krz esi u ski, Eia. Dir.

Literatur.

Studien zur Baugeschichte des Frei-
burger Münsters. Von Fritz Ger-
ges. Sonderabdruck aus der Zeitschrift
„Schau-ins-Land". In Kommission der
Herderschen Verlagshandlung. Freiburg.
1896. gr. 40. 64 S. mit vielen Text-

bildern. Preis: 4 M.

Diese knnstkritischen Aussätze aus der spteudid
ausgestatteten Zeitschrift des rührigen Geschichts-
vereins „Schau-ins-Land" sind als Prolego-
meua auzusehen zu der Monographie über das
Freiburger Munster, welche der Verfasser im
Aufträge des Müusterbauvereius ausarbeitet.
Sie iveudeu sich gegen einige zweifelhafte und
unhaltbare Thesen von Schreiber, Adler und
Schäfer, ivelche eingehende Studien über diesen
Ban veröffentlicht haben. Zunächst wird darauf

*) Der Umfang mißt 24 Zoll, die Höhe 5 Zoll.
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