Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 14.1896

Seite: 91
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Bischof in vollem Ornate und mit dem
Hirtenstabe in der Linken antreffen; er
weist mit der rechten Hand ans den Boden,
als denjenigen Punkt bin, wo die Böse-
wichte ans Geheiß des Bischofs bereits die
Erde ansgegraben haben und wo sie voll
Schrecken die vergrabenen Farben sehen.
Entsetzt hält sich der eine vor Schrecken
an einem stämmigen Waldesbanme, der
andere, der noch eben mit Ansgraben be-
schäftigt war, läßt seine Spate sinken und
streckt voll Verwunderung seine Reckte
ans. Das alles ist mit den denkbar ein-
fachsten Mitteln gegeben, aber doch so
lebhaft und erschöpfend, daß wir die ganze
Erzählung im Bilde wieder finden.

(Fortsetzung folgt.)

schwäbische Rruztfirbilder nebst
Rruzifixbetrachtungen.

Woher kommt aber bei dem einen
Typus die individuelle Verschiedenheit?
Sind unter dem Dutzend schwäbischer Pracht-
köpfe, die sich ans alle Gegenden unseres
engern Vaterlandes vertheilen, nur zwei
zu finden, die — obwohl alle den Stempel
göttlichen Leidens an sich tragen — eine
unmittelbare Abhängigkeit von einander
zeigen? Vielleicht die beiden in der Göp-
pinger Oberhofkirche und Sakristei, viel-
leicht, wenn man näher schaut, nicht ein-
mal diese. — Ihre Verschiedenheit beruht
auf dem innern Bilde, das jeder dieser
Künstler von seinem erhabensten Gegen-
stand in sich trug. So genaue Natur-
beobachter sie waren, begnügten sie sich
doch nicht, Formen und Gesichtszüge ein-
fach dem Leben zu entnehmen und so, wie
sie sich ihnen darboten, mit photographischer
Treue abznbilden. Sie veredelten vielmehr
was sie vorfanden und läuterten in stiller
Betrachtung ihr Ideal von allem Gemeinen:
in täglichem vertrantem Umgänge mit ihm
übertrugen sie ans dasselbe alles, was
ihnen. an Schönheit und Würde in dieser
unvollkommenen Welt begegnete, wie die
Dichter eine Menge von Vorzügen, die
sich in Wirklichkeit ans viele Personen
vertheilen, obschon sie eigentlich einem jeden
gut ausländen, zu vereinigen und daraus
einen Kranz um das Haupt ihres Helden
zu flechten pflegen. — So wirkte jeder
in sich ans Grund des in der Wirklichkeit

Gegebenen ein höheres mnstergiltiges Schön-
heitsideal aus, von welchem es in der sicht-
baren Welt kein Vorbild gab, ein Schönheits-
ideal, das sich vervollkommnete, je länger
sie sich damit beschäftigten, das sich hob,
während sie es zu ersasseil suchten, das
sich veredelte und vergöttlichte, je mehr sie
in heißem Bemühen es zu sich herabzu-
rnsen, es ans sich heranszusetzen bestrebt
waren: daher auch diese Gesichter trotz
ihrer unverkennbar schwäbischen Herkunft
und Anlage aus uns den Eindruck machen,
als gehörten sie einem körperlich und geistig
bevorzugten Menschenschlag an. — Ein
derartiges Kunstschaffen, sagt der früher
erwähnte Taine, ist ohne innerlich gehegte
Bilder nicht denkbar. Mit verschlossenen
Augen schaut man sie und folgt ihnen
lange wie im Traume, so wie eine Mutter,
sobald es um sie her still wird, das An-
gesicht eines geliebten Sohnes in ihrem
Gedächtnis; anftanchen sieht. — „So er-
schien diesen von heiliger Betrachtung ent-
flammten Künstlerseelen von göttlicher
Klarheit erstrahlend das Antlitz ihres ge-
liebten Heilandes, uub wenn es dem Lie-
benden keine Ruhe läßt, den geliebten
Gegenstand so vollendet als möglick dar-
znstellen, ja seine Schönheit womöglich noch
zu überbieten, ist es dann nicht begreiflich,
daß diese frommen Meister in der Wieder-
gabe der Schönheit, von der sie begeistert
waren, sich nie genug thun konnten?"
Daher die Glut, womit sie gleich der Braut
im Hohen Liede ihr Joeal, das vor ihnen
zu fliehen schien, im Blicke zu erhaschen
suchten, daher die Inbrunst, mit der sie
ihm zuriefen °. Du, Gott der Schönheit und
der Liebe, zeige uns Dein Angesicht! Laß
uns ans dem spröden Stoffe mit diesem
widerspenstigen Meißel Deine göttlichen
Züge formen, so wie sie sich uns gezeigt
haben, als Du selbst einen Augenblick bei
uns verweiltest — in diesem Lande der
Verbannung, wo wir doch nur eine schwache
Ahnung von Dir hegen können, und hilf
uns, bei Nachbildung Deines lieblicken
Antlitzes in uns und in allen das Reich
Deiner Liebe durch die Anschauung Deiner
Schönheit 311 befestigen!H

Dieses ideale Streben und Streben
nach Jdealisirung aber beschränkte sich
nicht ans die Gesichtszüge, es zog vielmehr
die gesammte leibliche Erscheinung in seine
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