Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 14.1896

Seite: 93
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schreckliches Geschrei?) Die Oeffnnng des
Mundes gestattet nur ein ängstliches und
beklemmtes Seufzen. Der Schmerz des
Körpers und die Größe der Seele sind
durch den ganzen Bau der Figur mit
gleicher Stärke ausgetheilt und gleichsam
abgewogen." Unsere Leidensgestalteu sind
lebenswahr im Großen und das Kleinste
sogar ist von Schmerzgefühl dnrchzittert,
aber Verzerrung (in Michel AngeloS Manier)
zeigen diese Krenzbilder nicht. Wenn der
Gesichtsanödrnck einiger derselben — na-
mentlich nach dein Verscheiden wie z. B. !
in Schwaigern, ans dem Stuttgarter Cal-
varienberg n. a. — eine gewisse Unem-
pfindlichkeit zu verrathen scheint, so drückt
dafür ein, wenn auch nur sanfter, Schmer-
zenshanch, der sich über diese Gesichter
»breitet, ein leises Fältchen oder ein leicht
herabgezogener Mundwinkel (Tiefenbronn)
— von dem wehmüthigen Blicke ganz zn
geschweige!!, wo er noch nicht erloschen —
dieses drückt den überstandenen oder noch
fortwirkenden Kampf viel wirkungsvoller
ans, als eine Einstellung der Gesichtszüge
eS vermöchte. Der SchinerzenSansdrnck
fehlt somit auch bei der friedvolleren, ja
si'gesfrohen Auffassung keineswegs, wohl
aber jede Grimasse. Man darf nur nicht
Wnth als Ausdruck von Kraft nehnien,
vertrackte Gebärden als Ausdruck der Leiden-
schaft, das Theatralische für das Drama-
tische ! Nachdem man das Baindter 8) Kru-
zifix betrachtet hat, aber auch das Nanm-
bnrger, aber auch das Danziger, darf man
nickt das Manlbronner, nicht einmal das
des Blanbenrer Krenzganges ansehen wollen,
sowenig man ei» feinschmeckendes Gericht
einnehmen wird, nachdem man sich erst mit
Paprika den Gaumen verbrannt hat. —
Wenn es sich darum handelte, einen qual-
vollen Zustand zn veranschaulichen, in
welchem die grausam aufgewühlte Seele
alle Muskeln des Leibes znsammenkräm-
pfen würde, dann wäre der Nanmbnrger
Schmerzensmann ganz gut: allein der christ-
liche Bildner und der Bildner überhaupt
hat nicht so fast den Schmerz seines Hel-
den als vielmehr seinen Helden groß im
Schmerze darznstellen.

Von diesem innerlich angeschanten Bilde,d)
das jeder unserer Meister in liebendem und
überzengnngsvollem Herzen hegte und
pflegte, kommt also jegliche Vollkommen-

heit, welche ihre LLerke zn Höhepnnkten
der Kunst und der Andacht zugleich stem
pelt. Daher kommt außer der Selbständig-
keit eines jeden nach Form und Auffassung
die Beherrschung des Leidens und der Leiden-
schaft, die Jdealschönheit des Gesichtes und
der ganzen Gestalt, das ckernier fini bis hin-
aus zn den Fingerspitzen und zn den De-
tails des Schauitnches; daher das ächt
künstlerische Gepräge überhaupt: denn

kleinlich sklavische Nachbildung des Wirk-
lichen bringt kein Kunstwerk zuwege, so-
wenig als noch soviel lebloser Abklatsch
eines schon vorhandenen, wobei jede neue
Auflage wieder etwas von der Frische des
Originals abstreift — dem wäre sogar der
rohe Realismus noch vorznziehen, der -
was viel einfacher ist als die „Akademie"
— sich den nächsten besten zum Modell
nähme und getreulich abformte. Nein,
Jdealisirnng der Elemente, die in der
Tragweite des Knnstjüngers liegen, das
ist der einzige Weg, der ihn zum Ziele
führen kann: das ist dann auch ein Nach-
ahmen, aber ein selbständig schaffendes
Nachahmen. Hat der angehende Bild-
schnitzer einmal das Handwerksmäßige seiner
Knust los und hat er sich geübt, das Ge-
gebene naturgetreu wiederzngeben, so wird
er bei diesem Bestreben zugleich lernen,
es auch mit immer höherer künstlerischer
Auffassung und Auswahl wiederzngeben,
das Schöne heransznfinden und den schönen
Formen gerecht zu werden; er wird all
mählig einen Einblick in das Wesen der
Leidenschaften erwerben und es zn einer
Darstellung, und zwar energischen Dar-
stellung derselben bringen, die der plastischen
Schönheit nichts benimmt. „So darf es
Dir denn (mahnt Emeric - David), er-
findungsreicher Künstler, nicht genügen,
Deinen Werken jene lebensvolle Haltung,
jene sorgsam gewählten Formen zn geben,
die an sich schon den Beschauer entzücken.
Du mußt zugleich durch die körperlichen
Formen die verschiedenen Seelenregnngen
anssprechen!"10) Um diese göttliche Tra-
gödie zit verbildlichen, muß man Scelen-
maler sein — unsere Meister waren es
ganz hervorragend. In dem Ausdruck

ihrer Gesichter feiert die feine Auswahl

und Abwägung, von der wir gesprochen,

ihren höchsten Triumph: da schmelzen

reale und ideale, plastische und moralische
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