Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 14.1896

Seite: 94
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Schönheit im Glanz derselben Stirne
harmonisch in einander!

War eS nns nnn im Vorstehenden daran
gelegen, allgemeine Kunstregeln anfzustellen,
oder in das Gemnths- und Leidensleben
dieser Skulpturen einznfnhren? — Wir
e> strebten beides. Die praktischen An-
weisungen, welche in diese Betrachtungen
eingeflossen, sind nicht a priori durch Logik
festgestellt, sie sind vielmehr ans der Be-
trachtung dieser Meisterwerke, deren Werth
ein- für allemal seststeht, unmittelbar ge-
flossen. — Uebrigeus ist es etwas peinlich,
du Kunstwerk anatomisch zergliedert zti
sehen, ehe man noch einen rechten Blick
darauf geworfen hat. Wir bitten deßhalb
den Leser, das Gesagte nur als allgemeine
Orientirung anzusehen und sich in diese
Kruzisixbilder selbst 311 vertiefen. So
wenig auch unsere, zudem fragmentarische
Abbildungen vermögen werden, die Feiit-
heit der fraglichen Skulpturen zum Be-
wußtsein zu bringen, so hoffen wir doch,
diese itnznlänglichen Kopien werden den
Kunstbeflissenen urid Kunstliebhaber ver-
anlassen, wenigstens einen Blick auf die
Originale zu werfen. Wir sind nur der
Pförtner, der diese Gallerte aufschließt;
das bisherige war nur eitel Seblüssel-
gerasscl. Indem wir den Leser herum-
snhren, werden wir manchmal ein kurzes
Wort in seine Betrachtungen eiufließen
lassen; wir werden manchmal jene Ciceroui
nachahmen, die nie duldeit, daß man sich
in die Betrachtting irgend eines Bildes
allzu begeisterungsvoll versenke; mit irgend
einer prosaischen Bemerkung wissen sie
Dich bald aus Deinem beschauliebeu Ent-
zücken zu wecken. — Dabei hast Du Dir
aber doch Dein eigenes Unheil 31t bilden,
um unseres nöthigensalls 31t berichtigen.
Und solltest Du gar noch weiteres in den
Bereich Deiner Erörterungen ziehen, etwa
den längst als schwäbisches Kunstwerk an-
erkannten Hochaltar in der Jakobskirche
zu Rothenburg a. d. Tauber mit seinem
jedenfalls sehenswerthen Kruzifix oder eines
voll den ungezählten kleiuereir Bildern —
eö müssen ja liicht lauter riesengroße sein
— z. B. das Krelizbild des Schongauer
Altärchens in Ulm; solltest Du zur Ab-
lvechslllng einmal über ein nichtschwäbisches
Werk dieser Art Dich verbreiten, wie über
das herrliche Offenburger Steiukruzifix

vom Jahre 1521, oder gar einen bis jetzt
uns entgangenen Typus des Gekreuzigte»
entdecken, so wirst Du uns doppelt will-
kommen sein!

A11 in er k u 11 gen:

') Brgl. Felix a. a. O. S. 273 f. über Fiesole.

2) lieber die Schwierigkeit, den Leib des Gvtl-
inenschen darzustellen, bat einst Grimonard de
St -Laurent, hinsichtlich der Taufe Jesu im Jor-
bini, die heule nach vvllgiltigen Worte geschrieben:
„Lin plumper Realismus mürbe einfach den Kör-
per eines Lastträgers kopieren, der sich einiger-
inaßen znin Modell eignete. Ein für Höheres
auf- und angelegter Künstler würde etwa einen
Jüngling ans guter Familie in Bezug auf zartes
Inkarnat, ebenmäßige Glieder und edle Haltung
sich znin Muster nehmen. Das non plus utiru
aber dürfte der erreicht zu haben meinen, dem
es gelungen, seinen Christnsleib in antike Form
zu gießen. Der ächt christliche Künstler dagegen,
alle Schönheit, die er je gesehen, für die Dar-
stellung des heiligsten Leibes in sich wachrnfend,
würde sich gedrungen fühlen, etwas auszusinnen,
was in dieser Körpenvelt und in weltlichen Dar-
stellungen nirgends in die Erscheinung tritt,
etwas, das Kraft offenbart ohne gewaltsames
Anfpumpen, Gesundheit ohne Ueberschänmen von
Fleisch und Blut, Schönheit ohne Beimischung
von Sinnlichkeit, kurz, etwas, das unserer Bor-
stellnug von einem verklärten Leib entspräche,
der, abgesehen von der natürlichen Beleuchtung,
von dem ersten Aufleuchten seines eigenen Glan-
zes erstrahlt."

3J Big!. Das Problem des Leidens in der
Moral. Akad. Antrittsrede von Dr. Paul Keppler.
Freiburg, Herder.

4) Etneric-David p. 143 seq.

5) „Plastisch schön im vollen Sinne des Wortes
wird die Darstellung erst dann, wenn die Figuren
nicht in den äußeren Vorgang hineingezvgen
werden, sondern in ihrem Leiden noch in sich
abgeschlossen dastehen, als fühlten sie in ihrem
Schmerze sich so vollkommen wie die Götter in
ihrer Seligkeit." Dieses Gesetz stellt Bayer,
Aesthetik S. 103 in Bezug ans die antike Skulp-
tur auf.

6) Emeric-David p. 142 seq.

7) Dasselbe gilt von unseren Krnzifixbildern,
vbschon der sterbende Gottmensch in Wirklichkeit
mit laute r Sti in in e rief. Das Wirkliche und
das plastisch Schöne deckt sich eben nicht immer.

8) Baindt, OA. Ravensburg. Bon diesem
Kruzifix heißt es in Kepplers Kirchl. Kunstalter-
thüinern: „Furchtbares Schauerbild, die Tvdten-
maske mit erschreckender Natnrwahrheit nachgc-
bildet, wohl aus dem vorigen Jahrhundert".
Auch der Danziger Kruzisixns durchschauert einen
starr durch seine Naturwahrheit, die kaum etwas
Geistiges, geschweige denn etwas Göttliches ent-
hält. Der Naumburger vollends hält nnrinehr
die materielle Seite des Tragischen, das Bild
des Sterbens und des verzweifelten Unterganges
fest und opfert die ideale Seite der plastischen
Schönheit, ebenfalls ohne die poetische Idee des
Tragischen als solche erreichen zu können.

9) Wiseman, Abh. S. 360: „Es ist nicht das
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