Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 14.1896

Seite: 95
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Studium solcher Gegenstände iu den Werken
anderer Künstler, es ist nicht der abstrakte Glaube
au solche Themate, es ist nicht einmal der bloß
artistische oder romantische Enthtlsiasmns iu Be-
zug auf sie, ivas Inspiration erzeugt: es ist bloß
die feste ltnb andächtige Ueberzengnng. von der
Wirklichkeit unserer Vorbilder, lvelche dadurch
erzeugt wird, daß sie unserenl täglichen diach-
denken oder vielmehr unserer täglichen Betrach-
tung vertraute Gegenstände sind, was das Bild
von allem, lvas irdisch ist, nach und nach läutern
und es zum Stempel machen wird, der unserem
Werke seine eigene treue Abbildung aufdrückt."

") Emeric-David p. 151. — lieber das Ver-
hältnis; der leiblichen Erscheinung znni geistigen
Gehalt eines solchen Christusbildes schreibt
Grimonard de St.-Laurent (Revue von Cvrblet,
Jahrg. 18G2 S. 64): „Ob der christliche Künstler
den Heiland in seinem sterblichen llnd leidvvlleu
Dasein zum Vorwurf seines Schaffens wähle
oder in seinem Auferstehnngsglanz: er muß sich
in Bezug auf Körperbildnng, der Wahrheit
utid zugleich edler Auffassung befleißen, Natur-
treue lvie auch Gefälligkeit iu Haltung und Be-
wegung walten lassen. Deßhalb lverden wichtigere
und iti erster Linie zu erstrebende Vorzüge nicht
zu kurz kommen. Wenn >vir übrigens zivischeu
jenen Bildern, die bei mehr oder weniger Starr-
heit und Steifheit der Glieder, bei mangelhafter
Anatomie, Perspektive und Harmonie deutlich
die Absicht verrathen, den Leib des Gottessohnes
thatsächlich auch zu vergöttlichen — wenn wir
zwischen jenen primitiven Bildern und so mancher
modernen Christnsdarstellnng die Wahl hätten,
die — nur ein leeres Schaustück — das Moment
der Belehrung und Erbauung völlig außer Acht
läßt — wir würden gewiß keinen Augenblick
schwanken. Wahrheit und Schönheit finden viel
besser ihre Nechunng >vo der Begriff des Gvtl-
menschen tiefer erfaßt als >vo das Anatomische
schärfer lviedergegeben ist. Bei diesem Unheil
blieben mir, ivenn auch dadurch geivisse iu ihrer
Technik nicht eben schlechte, sonst aber kläglich
verunglückte Kunstleistungen in Wegfall kämen,
ivelche Christi heiligen Namen an kvnfiscirte
Gesichter und Verbrechergestaltcn ivegiverfen."

(Fortsetzung folgt.)

schloß Marienburg in Preußen.

Wer die norddeutsche Gothik mit der
des übrigen Deutschlands vergleicht, wird
sofort mannigfache Unterschiede und Ab-
weichungen bemerken, die sich indessen
weniger in der Grnndrißanlage als in der
Behandlung der Details und in der Orna-
mentation äußern. Die Ursache liegt in
der Verschiedenheit des znm Banen ver-
wendeten Materials; während man imWesten
und Süden Steine zur Ausführung der kolos-
salen Bauten in Fülle vorfand, mußte mom
sich im Nordosten, wo die gothische Bait-
weise bedeutend später auftrat, mit Back-
stein begnügen, wodurch der Stil natürlich

in strengeren Grenzen sich bewegen mußte.
Die üppige krause Steinornamentik siel
hier weg, dagegen kommt Flächenverzierung
durch verschiedenfarbige Ziegel (Wechsel-
ziegel) im Inneren der Kirchen, an Fassaden
und Fußboden zur Anwendung. Zn den
charakteristischen, schönsten Backsteinbauten
Norddentschlands und der baltischen Länder
gehört unstreitig Schloß Marienburg, der
Sitz des Hochmeisters des deutschen Ordens,
welches als Burg, Kloster mit herrlicher
Kapelle und Grnstkirche —- St. Annen-
kapelle — Muster des gordischen, kirch-
lichen und profanen Baustils im Norden
bleibt. Die Bauherrn dieses Schlosses,
welches etwa in den Jahren 1280 bis
1380 resp. 1400 erbaut wurde, hatten
eine schwierige Aufgabe zu lösen: iu jenen
Mauern sollten Männer hausen, die theils
Mouche, theils Ritter waren; fromme
Gebete und Gesänge, rauschende Feste und
Kriegslärm, Weihrauch und Pulverdampf
erfüllten abwechselnd die Hallen; dabei
war der Baugrund für eine Festung höchst
ungünstig, da er eine Ebene ist; nur an
der einen Seite lehnt sich das Schloß an
den Nogatflnß an; somit mußten gewal-
tige Maliern anfgesührt werden, um den
Anprall der Heiden, Polen und Littauer
abzuwehren, lvelche beit Rittern das Land
streitig machten. Diese Aufgabe ist glän-
zend gelöst worden — mit Recht nennt
man das stolze Ordensschloß die nordische
Alhambra. Das Schloß besteht aus drei
Theileu, dem hohen, dem mittleren
Hanse und der sogen. Bor bürg, welche
gegen die übrigen Gebäude des Schlosses
weit zurücktritt; von drei Seiten umgibt
die Burg ein jetzt trockener, romantischer
Bnrggraben. Der älteste Theil der Burg
ist das hohe Haus mit der Schloßkapelle,
deren äußerer Chorabschluß eine kolossale
Statue der hl. Jungfrau mit dem Jesus-
knaben, schön und strahlend polychromirt,
bildet; die schönsten Räume birgt das
mittlere Hans, welches den Konvents-
remter, den großen und den kleinen Remter
enthält. Die Schloßkapelle und den
berühmten großen Remter, lvelche für
den kirchlichen itub profanen Stil der
Burg mit meisten charakteristisch sind,
wollen wir näher ins Auge fassen. Es ist
zll erwähnen, daß die Burg früher arg
vernachlässigt war itub erst seit 1815 all-
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