Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 14.1896

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rchid für christliche Nun st.

Organ des Rottenburger Diözesan-Vereins für christliche Kauft.

kstrausgegebeu und redigirt von Stadtpfarrer Reppler i» Freudenstadt.

Verlag des Rotteuburger Hiözesan-Auustvereius,
für denselben: der Vorstand Pfarrer Hetzet in St. Lhrislina-Raveilsbnrg.

Die zwei schönsten Thnrm-
lnonstranzen.

In dem Wettlaufe der zwei Musen
lässt bekanntlich Klopstock die beiden
Kämpferinnen, dieweil sie „heiß zu den
krönenden Zielen fliegen", in einer Staub-
wolke entschwinden und enthebt sich so der
Nothwendigkeit, eine von beiden als Sie-
gerin ansznrnfen. Diesen glücklichen Ein-
sall des Dichters nützend, wollen auch wir
suchen, an der Entscheidung vorbeizn-
kommen, welchem von den zwei unsterb-
lichen Kunstwerken die Palme gebühre
seine Frage, welche zwei Nachbargemeinden,
die Besitzerinnen dieser Kleinodien, in be-
greiflicher Spannung erhält), indem wir
lieber jeden der beiden unbekannten Meister
siegen, d. h. in seiner Art das Höchste er-
reichen lassen.

Nur der Zeit nach beansprucht also
die Weilderstädter Monstranz den Vor-
sprung, denn sie ist hochgothischH und
zeigt von unten bis oben nicht eine un-
schöne Form, was von der Tiefenbronner,
ihrer Rivalin, gerade nicht gesagt werden
kann, welche an der einen oder andern
Stelle krauses Laubwerk, abgestorbenes
Rankenwerk und vielleicht noch andere
Spuren eines sinkenden Stiles, jedoch auch
von einem Ende znm andern — und das
ist bei ihrem Ueberreichthnm an Detail
das Bewnndernswerthestc — nur einen
Guß und Fluß anfweist. Ueberhanpt ist
der Stil an und für sich für die Tüchtig-
keit eines Werkes nicht maßgebend, viel-
mehr fällt in erster Linie ins Gewicht,

st Von den zwei Angaben, das; die Weither-
slädler Monstranz im Ans. d 15. Ihdts. das Licht
der Welt erblickt habe (Krppler. Kirchl. Knnst-
atterlh. S. 194), die TiefeubroniierZ. I. 1400
sogt. Weber, Die golhische Kirche zu wiefenbrvnn.
Karlsruhe, 1845), kann daher kaum eine

richtig sein.

kann, auch ganz ist. Auch hat es be-
kanntlich mit der Unterscheidung von hoch-
gothischen und spätgothischen Formen in
der Metalltechnik seine besondere Bewandt-
niß, um nur ans die geschweiften Bogen,
geschwungenen Fialen und Fischblasen hin-
znweisen, welche in Holz und Stein, z. B.
in den gothischen Sakramentshänscbkn,
untrügliche Zeichen der Spätzeit sind,
während sie an Kunstwerken ans Metall,
weit diesem Stoff innerlich angemessen,
zur Blüthe des Stils gehören. Die go-
thischen Sakramentshänschen, dieses ge-
gossene Steinwerk, >vie es im Mittelalter
hieß, stellen einen Einbruch in das Gebiet
der Gießer und Goldschmiede dar, wäh-
rend diese schon lange — gewiß nicht znm
Schaden ihres Knnstzweiges — sich Ueber-
grifse in die Sphäre der Baukunst erlaubt
halten. Pflegte doch das Mittelalter die
Mehrzahl aller Geräthe nach einem archi-
tektonischen Grund- und Aufrisse mit
Pfeilern, Sänlche», Giebeln, Baldachinen
n. s. w. zu verzieren; seine Monstranzen
vollends baute es — in Deutschland we-
nigstens — zu eigentlichen Thürmen ans.
Da ward der Goldschmied znm Architekten
und streng architektonischer Geist beherrschte
nicht allein die Grundform dieser turriculne,
wie man sic nannte, sondern selbst ihre
Zierat bis ins Einzelnste. Wie an einem
gothischen Dome jeder einzelne Pfeiler und
Bogen von dem Gesetze des Ganzen ge-
fügt und an seinen bestimmten Platz ge-
stellt ist, so ist auch au diesen Miniatnr-
banten jede Strebe sammt dem Blätterge-
winde daran, jeder Dienst und jedes
Giebelchen darauf sammt den krönenden
Theilen darüber von einem solch durch-
greifenden allgemeinen Gesetze gebildet. Vor
allem folgen die drei regelmäßigen Ab-
stnfnngen: Tragsäule, Epposuionsnische

Or. ii.

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1896.

ob es das, was es sein will nild sein
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