Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 14.1896

Seite: 98
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s wen» mau fo sage» kann) und ab-
schließende Pyramide nicht bloß in schön
abgemessenen Verhältnissen ans einander:
sie folgen auch ans einander, gehen or-
ganisch ans einander hervor nnd nm dieses
Wachsthum vollends zu einem ununter-
brochenen zu gestalten, reicht sich zwischen
ihnen eine geordnete Reihe von Ueber-
gängen in harmonischem Reigentänze fort-
lansend die Hände, hier in strengerer Gesetz-
mäßigkeit, dort in flüssigerer Handhabung
der Form.

Dieses in der Stilverschiedenheit gele-
gene Verhältnis; durchdringt unsere beiden
Meisterwerke vom Scheitel bis zur Zehe
nnd läßt sich besonders an gewissen charak-
teristischen Stellen Nachweisen. Unsere hoch-
gothische Monstranz erhebt sich ans einem
Sechspaß, der ans einer reicher gegliederten
Unterlage — Kombination des Sechspasscs
mit dem sechseckigen Sterne — ruht. Ihre
spätgothische Schwester hat gar nur einen
Vierpaß mit polygoncm, rechts und links
ausgeschweiftem Untersatze znm Fuß. Aber
während in Weilderstadt der sechseckige
Schaft nur als Träger auftritt — sein
Schmuck besteht außer zwei Gesimsen ii»b
etwas Maßwerkverziernng nur noch in einem
handlichen Knaufe mit sechs rantensörmigen
Ansätzen, an welchen Emails sitzen —
umzieht sich in Ticsenbronn die acbtseitige
Tragsäule mit einemreichgegliederten Bündel
von Hohlkehlen nnd Halbsänlen, welche
allmählig zur Platte emporsteigen, jedoch
nicht, ohne sich in der Mitte mit einem
Doppelkranze von Zierbögen umsponneu
zil haben, aits denen wieder acht Konsolen
mit ebenso vielen freien Statuetten anf-
sprießen. Dem Seblußgesimse des Fußes
entspringt in beiden Fällen ein üppiges
Pflanzenornament, das deit Uebergang zur
Platte vermittelt — ist es in der Hoch-
gothik ein wnnderfeincs, tiefgeschwnngenes
Blätterwerk P so ist es im Spätstil ein
malerisch knorriges Rankengewinde nnd
ähnlich verhält es sich mit dem Besatz, der
hier und dort die Plattform nach unten
bekränzt* 2). — Letztere beschreibt in Weil-

Es ist merkwürdigerweise der Zeichnung,
Ausführung und sogar G>ös;e nach ganz dasselbe
Ornament, lute jenes, welches an dein silbenien
Kalvarienberg in Horb den Uebergang von der
Tragsäule zur Platte vermittelt.

2j Auch mit den Lanbkräugen der Kiistall

derstadt ein gleichseitiges Dreieck, dessen
Ecken je ein kleines Parallelogramm ans-
senden, das einem Pfeiler zur Unterlage
dient: in Tiefenbronn dagegen ist die Grund-
fläche entsprechend der Form dcS Fnßge-
ftelles eine gestreckte; den beiden Ansbncht-
ungen entwächst das Strebewerk.

Ja, ein ganzes Strebest)stem znm Unter-
schied von dem einfach klaren Aufbau der
Weilderstädter Monstranz. Diese zeigt näm-
lich nur die drei viereckigen, nach oben sich
verjüngenden Pfeiler, welche je ein Heiligen-
hänschen fammt einer Stattie ansetzen, ibre
überschüssige Kraft in Spitzsänlen verflüch-
tigen nnd an ihrem obern Ende mittels
Wasser schrägen das zweite horizontale Stock-
werk ans die Schultern nehmen, welches
seinerseits die schlanken Dienste in die Höhe
sendet, nm die acht mit Krabben gezierten
Schenkel der durchbrochenen Pyramide zu
stützen. Dort dagegen (in Tiefenbronn)
ist ein inneres nnd ein äußeres Strebewerk
zu unterscheiden. Das äußere steigt mit
seiner überqnellenden Fülle — von dieser
sei beispielsweise nur so viel gesagt, daß
die zwei großen Heiligennischen hier drei
Statuen bergen nnd, anstatt wie in Weil-
derstadt mit einem Giebeldache zu schließen,
in frei anssteigende Pyramiden anslanfen
— mit solcher überqnellenden Fülle an
architektonischem, pflanzlichem und figür-
lichem Schmuck steigt das äußere Strebe-
werk, wenn auch mit dem innern getreu
Hand in Hand gehend, dennoch unabhängig
auf nnd gibt dem Edelgefäße seine feine
Silhouette. Das innere, eigentlich tragende
nnd doch selbst wiederum reichgegliederte
läßt den sechseckigen, von einem Kranze
geschweifter Spitzbögen gewobenen Balda-
chin ans sich hervorgehen, der den freien
Raum über dem Kristallcylinder mit seiner
Pracht überschattet nnd zugleich neue Stützen
zur Bildung von zwei weiteren offenen
Nischen über einander emporschickt, die sich
verjüngend, dem Ganzen zu seiner pyra-
midalen Zuspitzung verhelfen.

Somit stehen den zwei »iscbenartigen
Durchbrechungen der Weilderstädter Mon-
stranz, nämlich dem Zentralraum nnd der

cyliuder, dev feinen Brüstungen, welche die
Horizontalteilungen der Weilderstädter Monstranz
umziehen. Hier sind die betreff. Ornamente ebenso
durchsichtig, geschmackvoll und fein, als sie in
Tiefeubrvnu künstlich, kühn und pompös sind.
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