Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 14.1896

Seite: 99
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Laterne in Tiefenbronn drei, beziehungs-
weise vier solche gegenüber. Unter dem
Prachtbaldachin, das eigentliche Sank-
tuarium mit dem Schaugesäße, welches
das Allerheiligste nach allen Seiten hin
sichtbar umschließt und am Sockel die
herrlich gearbeiteten Sinnbilder, der vier
Evangelisten in Hochrelief zeigt, lieber
dem Schaugefäß, also noch in derselben
Abteilung, ist sodann ein freier Raum
ausgespart, welcber sehr passend den Abend-
mahlssaal darstellt; die Apostel bilden eine
feierliche Tafelrunde um den Herrn, der
gerade den Kelch segnet. Höher hinaus
öffnet sich in dem Fialenwald eine Lich-
tung, in der die schmerzhafte Mutter, Jesu
Leichnam im Schoost, ans erhabenem Throne
sitzt. Ein Kranz geschweifter Wimberge
schließt diese Abthciluug und entfaltet zu-
gleich die Ansätze zur vierten und letzten,
zur Laterne, von der ans (wie an der
Weilderstädter Monstranz) ein Erbärmde-
bild das Ganze überblickt.

Eine Besprechung der einzeln-en Figürcben
würde uns zu weit führen H und, um ein
Urtheil zu gewinnen, müßte man sie ja
doch — mindestens in einer gediegenen
Abbildung — vor Augen haben. Wir
bemerken daher nur, daß es wahre Ka-
binetstücke an Ciselirung, ja mitunter auch
an seiner Charakteristik sind, und zwar
an beiden Meisterwerken. Blau vergleiche
z. B. nur das niedliche Engelchen, das
mit dem Spruchband Ecce Agnus Dei
von der überaus zierlichen Brüstung der
Weilderstädter Monstranz herabgrüßt, mit
den mnsizirenden Engeln, die als Abhäng-
linge, das Untere mit dem Obern ver-
mittelnd, vom Fnßgesimse der Tiescnbron-
ner Hauptstrebei: herniederschweben. Auch
im Figürlichen geben also das hochgothische
und das spätgothische Prachlgefäß, bei
allem Ueberreichthum des letzter», einander
nichts nach. — Ebensowenig aber ihre
Nachbildungen, die aus der Höhe ihres
Originals stehen. Sie sind mit einem
Berständniß, einer Virtuosität und Pietäl
gearbeitet, wie sie nur durch langjähriges

*) Fn Tiefenbronn sind sie so zahlreich wie
die Spitzlhürmchen, ivenn nicht noch zahlreicher.
Auch der Grabstichel hat dort die Felder des
Fnßes mit vier vorbildlichen Scenen geschmückt:
Abrahame Opfer; das zubereitete Opferlamm;
Melchisedechs Opfer; das Manna in der Wüste.

liebevolles Einleben in die Werke der
Alten gewonnen worden. Das eine dieser
silbernen und ziervergoldeten Abbilder
stammt aus den: großen Geschäft voit
Brems-Varain *), Domgoldschmied in Trier,
das uns schon manches mittelalterliche
Kirchengeräthe in tiener Auflage dargeboten :
das andere ist in einer einfachen Werk-
stälte von dem strebsamen Meister I. Ball-
mann in Stuttgart gefertigt worden, der
in der Schule und im Dienste unseres
Knnstvereins seine Meisterschaft ansge-
bildet hat. Brems-Barain bat mit seinem
Prachtgesäße auf der Weltausstellung in
Ch cago Aufsehen erregt; I. Ballmann
mit dem seinen tind zugleich mit einer
Auslese seiner trefflichsten Arbeiten, die
uns längst nicht mehr fremd sintA), tut
LandeSgewerbemuseum in Stuttgart. Er-
sterer hat die goldene Medaille für Kunst
erhalten, letzterer die bronzene (!): die
Anerkennung kam auch für ihn aus
Amerika, indem Dekan Friedland in
Detroit eine (wegen der ungewöhnlichen
Größe seiner Kircbe) um io cm ver-
größerte Kopie der Weilderstädter Thurm-
monstranz bei ihm bestellte. Was ihn
dazu bewog, war neben der unübertreff-
lichen Arbeit, wie er sagte, der erstaun-
lich billige Preis.

Lin Gang durch restaurirte Rirchen.

Von Pfarrer De siel in St. Chrislina.

(Fortsetzung.)

5. Im fünften Medaillon sieht man
den Tod des Heiligen. Er stirbt,
umgeben von bcu Bewohnern seiner 'Lieb-
lingsstistnng, den Conventnalen von Peters-
hansen; gerade ansgestreckt liegt er auf
dem Todbette nab hält die Hände gefaltet.
Ein Pater mit dem Aspergil in der Hand
betet die Totengebete, ein anderer hält
die brennende Sterbekerze und ein dritter
im Vordergründe kniet da und verhüllt
tvendend sein Angesicht, alle aber hat tiefe
Trauer ergriffen über den Tod ihres
größten Wohlthäters.

') Vertreten durch Werkiuann und Banm-
gärtner in Ellwangen. Der Freundlichkeit des
letzteren verdanken wir die betreffende Abbildung.

2) Z. V. die Ebinger Monstranz („Archiv"
1893, S. 65); das Cannstatter Ciborinin
(,/Archiv" 1887, S. 35); der Kelch von Strasz-
berg; and) Sonneninonstranzen nach neuer
Zeiä)nnng.
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