Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 14.1896

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0. Als h'v hl. Gebhard fühlte, daß
sei» Ende nahe sei, sprach er als seinen
letzten Wunsch ans, in der Kirche zn
Petershansen begraben zn werden. Ob-
wohl die Kanoniker voll Konstanz Ein-
sprache thaten nnd die Leiche des heiligen
Bischofs in der .Kathedrale beigesetzt haben
wollten, so entschied schließlich doch der
bestiniint ansgesprochene Wunsch des Ver-
storbenen nnd die Leiche wurde, nachdem
sie erst, mit den Pontifikalgewändcrn be-
kleidet, im Dome ansgebahrt worden war,
nach der Abtei Petershansen übertragen.
Wir sehen denn im letzten Rnndbildchen
die U e b e r t r a g n n g der Leiche des
bl. Ge b h a r d v o n K o n st a n z na ch
P e t ers ha n se». Vier Patres haben
den ans einer Todtenbahre liegenden, ver-
storbenen Bischof ans ihre Schultern ge-
hoben nnd tragen ihn so eben über die
primitive kleine Holzbrücke, welche damals
Pctershansen mit Konstanz verbunden
haben mag. Tie Chronik von Peters-
bansen berichtet dazu, „daß, als die Träger
mit dem Sarge über die Schwelle der
Domkirche traten, eine Taube rasch heran-
geflogen sei, sich auf die Bahre niederge-
lassen habe nnd dort vor aller Angen
ruhig verblieben sei, bis man den Fluß
übersetzt nnd die Leiche vor die Gregorins-
kirche gebracht hatte. Als man aber mit
ihr über die Sehlvelle der Basilika schritt,
sei die Taube verschwunden". Wir ver-
missen nur ungern diesen schönen Fug ans
der Legende des Heiligen, der sich leicht
halte ans dem Bilde andenten lassen.

Am Plafond des Chores endlich sehen
wir den hl. Gebhard als Schutzpatron
über die Stadt Bregenz nnd Umgegend.
Er sitzt ans einer Wolke nnd halt in der
Linken den Bischofsstab, während er die
likechte segnend erhebt. Als Attribut hat
der Heilige sonst öfter einen Stab oder
Stock nnd zwar nicht als Bischof, sondern
weil er mit einem solchen nach der Legende
einen Lahmen heilte. Der Augsburger
Maler Bnrgkmair (1472 — 1550) stellt
ihn in einem Holzschnitte dar, wie ihm
die hl. Jungfrau mit dem Kinde erscheint.
Als Stifter von Petershansen könnte er
auch das Modell einer Kirche tragen. Doch
ist sein gewöhnliches Attribut, — nnd
hierin ist auch Füget gefolgt, — ein
Todtenkopf mit der Tiara, das Haupt des

hl. Gregorins. Er hat es in unserm
Votivbilde neben sich ans einem Bucke.
Unten sieht man den St. Gebhaidsberg
mit dem Kirchlein nnd die angrenzende
Landschaft, links z. B. noch einen Theil
vom obern Bregenz mit dem Kirchenthurm,
rechts im Hintergrund die Kirche von
Kangelbach nnd weiter zurück die Vorberge
der Alpenwelt. Die Landschaft zeigt eine
wunderbare Stimmung.

So ist das ganze Kirchlein mit der
Legende des hl. Gebhard ansgestattet nnd
nur das Tympanon des Chorbogens zeigt
einen andern Gegenstand, nemlich eine
A n b e t n n g d e s L a m m e s d n r ch E n g e l.
Es war für eine solche Komposition an
diesem Platze vor allem die Aufgabe ge-
stellt, den beschränkten nnd auch sonst un-
günstig gearteten Raum vortheilhast ans-
zunützcn. Das ist denn auch vollkommen
gelungen: die Stellung der Engelsfiguren
zeigt eine vornehme Bewegung nnd tiefe
Empfindung. Um das Festliche in der
Anbetung erhöhen nnd noch mehr zn
vergeistigen, ist von jeder kräftigen Far-
bengebung abgesehen; eine poesievolle
Stimmung ist über das Ganze ansge-
gossen nnd die so sicher zeichnende Hand
nnd ausgezeichnete Perspektive verraten
auch hier den ganzen Meister.

Noch ein kurzes Wort über die deko-
rative Ausstattung des Kirchleins durch
den Maler Hans Martin. Wir kön-
nen sie mit Einem Worte als ebenbürtig
der herrlichen Fignrenmalerei bezeichnen.
Die Ausmalung geschah in italienischer
Renaissance nnd mit Kalkfarben, während
die Ornamente in Tempera aufgesetzt sind.
Die Sockel, wie auch die Wände erhielten
einfache Töne, zier Abwechslung heller
nnd dunkler gehalten. Nur die an den
Seitenwänden zur Unterbrechung der ein-
förmigen Architektur angebrachten Gips-
pilaster erhielten Ornamente nnd zwar in
reicher Abwechslung sowohl in Betreff der
Farbentöne als der herrlichen Motive, die
dem Meister, wie mir scheint, fast uner-
schöpflich zn Gebote stehen. Wenn auch
jedes Ornament stilistisch streng der ita-
lienischen Renaissance angehört nnd ans
den ersten Blick an die Dekoration der
Nasfaelschen Loggien erinnert, so ist doch
jedes wieder eigenartig nnd selbständig
behandelt. Die Decken sowohl des Chores
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