Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 14.1896

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Aber abgesehen von dein unzerreißbaren
dogmatischen Zusammenhang zieht sich ver-
bindend durch die beiden Bildeshälften auch
eine und dieselbe Disposition. Nach Bram?s *)
geistvoller Erklärung ist ans der rechten
Seite des Gemäldes vorwiegend die posi-
tive Richtung von Theologie und Kirche
vertreten, ans der linken die spekulative.
„Wir erblicken z. B. unten ans der linken
Seite Justin, Augustin, Thomas von
Aquin, Bonaventura, Gemisthus Pletho,
lauter spekulative Köpfe ersteu Ranges;
auf der eutgegengesetzteu, rechten Seite
Ignatius, Hieronymus, Gregorius, vor-
wiegend dem positiven Wissen zugewandte
Geister." Dem entspricht, fährt Braun
fort, auch der obere Teil des Bildes:
rechts der hl. Petrus, welcher die juden-
christliche, links der hl. Paulus, welcher
die heideuchristliche Richtung in sich ver-
körpert. Rechts unten kehrt Picns von
Mirandola einer Gruppe jüdisch-kabba-
listischer Lehrer den Rücken und wendet
sich der Kirche zu; auch der Jüngling,
welcher so emsig in dem geöffneten Buche
forscht, läßt hoffen, daß er den rechten
Weg finden werde. — Links unten weist
ein Träger der platonischen Philosophie
(Gemisthus Pletho) eineu andern lern-
begierigen Jüngling ans die christliche Lehre
hin; weitere Platoniker und Nenplatoniker
stehen beiseits; auch dieser junge Mann
ist gleich dem ersteru mit einer Kopfbinde
umhüllt, beider Augen aber sind frei: man
sieht, die Wahrheit fängt an, sie zu er-
leuchten. Diese stellen die Znknnftskirche
dar, Ecclesia ex circumcisione einerseits,
unter dem Bilde deS hl. Petrus zur
Rechten — anderseits Ecclesia ex genti-
bus im Schatten des Völkerapostels.
Finden von jener Seite die Kinder Israels,
ja auch Jsmaels den Zugang zur Kirche,
so von dieser das antike Heidenthum und
seine Adepten.

Aber so analog die Anordnung in der
obern und in der untern Hälfte unseres
Bildes ist: beide Welten heben sich doch
in ihrer Eigenart scharf gegeneinander ab.
Dort ist alles „ewigklar und spiegelrein
und eben"; hier dagegen, wo die ganze
Entwicklung der kirchlichen Lehre und Ent-

b Braun, Raffael's Disputa. Düsseldorf 1859,
S. 116 fs.

faltnng des kirchlichen Lebens an den be-
rufensten Vertretern aller christlichen Jahr-
hunderte anschaulich zu machen war, ist

alles Leben, Bewegung, Werden?) Aber
wie so viele Greise, Männer, Jünglinge,
darunter Kirchenlehrer, Weltweise, höchste
kirchliche Würdenträger und einfache Geist-
liche, Ordensmänner und gläubige Laien
so anbringen, daß jede Gestalt zu ihrem
Rechte kommt, daß jede in der ihr ange-
messenen Schönheit erscheint? Und wie

ans so vielen Kunstwerken eines machen?
— Das war eine Aufgabe, würdig der
höchsten Jndividnalisiruugö-, Grnppirnngs-
und Kompositionsknnst, Gaben, die be-

kanntlich Raffael in so erstaunlichem Grade
besaß, daß sie mit der Zunahme der
Schwierigkeiten bei ihm ins Ungemessene
zu wachsen scheinen. Man liest seinen
Köpfen ab, was sie denken, wie man fast
hört was sie sagen und es der Haltung
seiner Figuren ansieht, was sie thnn oder
zu thun im Begriffe sind. So erkennt
man den hl. Hieronymus (erste Gruppe
rechts vom Altäre) nicht nur an dem Löwen
zu seinen Füßen: sein GesichtsanSdrnck,
seine ganze Aktion gibt von seiner Kraft
und Derbheit Kunde, nicht am wenigsten
das drastische Anfstützen des Buches ans
seinen Knieen, wogegen die Klarheit und
gemessene Ruhe im Antlitze seines Gegen-
über, des einem Jüngling diktireuden Au-
gustinus, durch den Kontrast um so frap-
panter wirkt. Derselbe ruhige und klare
Geist leuchtet, durch Majestät noch ge-
hoben, aus den Zügen des zur Rechten
des hl. Hieronymus thronenden Grego-
rius des Gr., welchem der hl. Ambrosius
(rechts von Augustinus) gegenübersitzt.
Aber zum Unterschied von ihren Neben-
männern wenden beide den Blick nicht den
Tiefen der Wissenschaft, sondern vielmehr
den Inspirationen von oben zu. Das ist
wieder nicht Zufall. Sie beide waren, wie
Braun bemerkt, Gelehrte, aber mit einem Hie-
ronymus und Angnstinns konnten sie als
solche nicht wechseln. „Sie zeichneten sich

b Darum zeigen auch die obern Figuren —
man sehe nur die fast hieratischen Gestalten eines
Adam, Abraham, Moses und David, aber auch
das Bild Gottes des Vaters — ein plastisches
Gepräge, während das malerische in seiner ganzen
Entfaltnitg im untern Theile des Gemäldes
herrscht. Vgl. Braun, S. 134.
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