Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 14.1896

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durch ihr praktisches Eingreifen in die Ver-
waltung der Kirche und durch die Sorgfalt
aus, welche sie der Gestaltung der äußeren
Gottesverehrung, der Liturgie und dem
Kirchengesang zuwandten." — Daher sind
sie mehr den überirdischen Einflüssen zu-
gekehrt. Die herrliche Gestalt zunächst
dem Altäre, links, durch Mantel und Bart
als Weltweiser kenntlich gemacht, ist nicht
bloß zum Schnmck in solch hochbegeisterter
Haltung dargestellt, so schön sie ihr auch
ansteht, es ist Jnstinus, der Philosoph,
der mit Feuereifer die Rechte der mit Füßen
getretenen, zu Tode gemarterten Christen
vertheidigte bis zur Vergießung seines
eigenen Blutes, während wir in der leb-
haft gestikutirenden Bischofssigür an dem
entsprechenden Platz aus der entgegenge-
setzten Seite den hl. Ignatius zu erkennen
haben. Unter allen Kirchenvätern der
Hauptzeuge für die eucharistische Lehre,
nimmt er mit Recht die erste Stelle zur
Rechten des Altars ein, indem er mit bei-
den ausgestreckten Armen ans die Monstranz
weist. — Eine imposante Gestalt in Laien-
kleidung, fast nur vom Rücken aus sicht-
bar, rechts neben Gregor dem Gr. wendet
sich ihm, dem Altar und somit der Kirchen-
lehre zu. Er entsagt seinen kühnen An-
sichten von der Prädestination und Euch-
aristie, an welche nur noch die am Boden
liegenden Bücher erinnern — es soll
Scotus Erigena sein. Die zwei Bischöfe
zu seiner Linken sind — ganz allein nach
ihren sprechenden Gesichtszügen — von
dem Forscher als Anselm von Canterbury
und Petrus Lombardus agnoscirt worden.
Jener, der „den Sturm nicht suchte, aber
auch nicht fürchtete, ist die mächtige, auf
sich selbst ruhende Persönlichkeit mit kla-
rem, sickeren» Blicke". Das Leben des
andern blieb überhaupt von Stürmen
verschont, und richtig „entdecken wir in seinem
Bilde nicht die Spur bestandener Kämpfe,
sein Blick ist klar, einfach und verräth,
wie der Stil seiner Sentenzen, nichts
von Größe". — Wie unübertrefflich ist —
um nur noch eines zu bemerken — die
Charakterisirnng der beiden so verschieden-
artigen Männer in der linken Bildhälfte
— die herrliche Papstgestalt (Anaclet,
oder Gregor VII.?) trennt sie — Tho-
mas von Aqniu und Bonaventura! L)ie
sind an keinem äußern Zeichen kenntlich,

aber sie erzählen gewissermaßen selbst ihre
Naturgeschichte. „Der Blick des einen
ist nach außen, der des andern nach innen
gekehrt. Bonaventura räumt dem Gefühle
mehr Recht ein, er ist der Vater der
Mystik; Thomas will, daß die Ueberzen-
gung vom Kopf ins Herz, Bonaventura,
daß sie vom Herz in den Kopf eiustiege." —
Mit wunderbarer Charakteristik „kommen so
der selsenseste Glaube mtb die heilige Be-
geisterung, die glaubensfreudige Hingabe
und das grübelnde Forschen nach der
Wahrheit in allen nur erdenklichen Ab-
stufungen zum Ausdruck".H Wie sodann
die einzelnen Glieder sich zu einer Gestalt
zusammeufügen, so die einzelnen Gestatten
wieder zu Gruppen, alles nach feinster
Berechnung und dock ohne daß sie sich irgend-
wie fühlbar macht. Es ist ein centripetaler
Drang?) der die Massen belebt und den
die Zurückhaltung einzelner ferner Stehen-
den, ja die Abhaltung, die sie andern an-
gedeihen lassen wollen, nicht zurückdämmen,
ben sie nur desto augenfälliger macken kann:
wie auch einzelne hoheitsvolle Gestalten^),
die in dem malerischen Gewoge regungs-
los das hehre Geheininiß in der Mitte be-
trachten, es dadurch erst recht als den
eigentlichen Brennpunkt hervorheben.

Diese Welt von realer und idealer,
menschlicher und göttlicher Schönheit, stellt
uns die schon in der letzten Nummer des
„Archivs" empfohlene Heliogravüre, hvon
welcker wir heute eine Verkleinerung geben)
mit solcher Feinheit und Treue, nament-
lich bezüglich des Ausdruckes der Gesichter,
vor Augen, daß dieses Blatt geeignet ist
für den Kunstfreund die Stelle des be-
rühmten Keller'schen Stiches zu vertreten,
wie letzterer den Kenner über die Uner-
reichbarkeit des Originals tröstet. Anck
aus dieser Reproduktion, durch welche sich
die Wiener Gesellschaft für vervielfältigende * 2

st Knackfnß, Raffael-Monographie 2. 44.

2) Man sehe nur die hinreißend schöne und
von stürmischem Eifer hingerissene Gruppe der
drei Jünglinge auf der rechten Bildseite. ^ Braun
sieht in ihnen die Vertreter der drei großer: Na-
tiorren der Franken, Engländer und Deutschen,
welche zur Kirche eilen, um anzubeten.

st Z. B. Gregor d. Gr. oder gar Jnnocenz III.,
wahre Prachtgestalten, rvie sie nur die Ceremonien
des päpstlichen Gottesdienstes einem Künstler
darbieten können. Bgl. Wiseman, Vorträge über
die Liturgie der stillen Woche.
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