Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 14.1896

Seite: 112
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schädigt und unleserlich. Es wurde daher eine
neue Urkunde gefertigt, ans der n. a. die Namen
der mit der Thurmdachreparatur beauftragten
Meister (Flaschner Ruez, Schlosser Brunner,
Zimmermann Bitterle, sämtliche von Schussenried)
nvtirt sind. Diese Urkunde und diverse Geld-
stücke wurden in eine eigens hiezu gefertigte,
wohlverschlvssene Kapsel gelegt, welche im Thurm-
knvpf verwahrt ist.

Die int Thurm befindliche alte Kirchen uh r
hatte früher mehrfach Schaden gelitten rnid war
reparaturbedürftig geworden; noch im September
1120 wurde sie nebst der unteren Thoruhr einem
Uhrmacher aus Mengen zur Ausbesserung über-
lassen. Der Meister erhielt für seine Dienste
16 fl.') Um die Mitte des vorigen Jahrhun-
derts hat aber der Meister Joseph Linder aus
Ravensburg eine neue, nemlich die gegen-
wärtige Uhr gefertigt. Die Jahrzahl 1150 ist
jetzt noch an dem Uhrwerk zu lesen. Die 20
Zentner schwere Kirchenuhr, welche auf 150 sl.
zu stehen kam, wurde am 16. Juni 1151 im
Thurm ausgestellt.2)

Seit alters her hat der Abteikirchenthurm,
von Unterbrechungen abgesehen, tvie heutzutage
fünf Glocken beherbergt. Diese Glockeuzahl
läßt sich für den Anfang des 11. Jahrhunderts
noch sicher Nachweisen. Das Geläute blieb selbst
im 30jährigen Krieg intakt. Während am
13. Januar 1641 der Thurm auf ein Flammen-
meer niederschauen musste, ivelches die Kirche
schädigte und das Kloster beinahe vernichtete,
entging er selbst nebst den in ihm aufgehängten
Glocken dein Verderben. Wenn übrigens auch
das Klostergeläute dem Zorn der Schweden und
der Wuth des Feuers nicht zum Opfer fiel, so
hatte es später unter der durch die Kriegszeiten
heraufbeschworeneu Notlage des Neichsstiftes
doch schwer zu leiden. Der schon während des
Krieges mehrmals ausgeplünderten, durch Kon-
tributionen völlig geschwächten, durch bösivillige
Brandschädigung in die Gefahr der Vernichtung
gebrachten Reichsabtei wurde beim Friedens-
schluß noch die Summe von 10 680 fl. als den
Schiveden §u entrichtender Kriegskostenentschä-
digungsbetrag auferlegt. Daher mußten heilige
Gefäße versetzt und verkauft, ja sogar Glocken
vvic den Thürmen herabgeholt und veräußert
werden. Den 1. Mai 1650 gab das Reichs-
stift in seiner Finanznoth aus den Kloster-
pfarreieu Steinhaufen, Neichenbach und Otters-
waug das ganze Geläute, aber and) zu Schussen-
ried die Fr ü h m e ßg locke aus dem Kirchthurm
und die Schlagglocke von dem Thorthurm iveg.
Letztere ztvei Glocken wogen zusammen 11 Zent-
ner 86 Pfund; für den Zentner wurden nur
14 Gulden erlöst?) Da aber die erzielte Summe
zur Bezahlung der verlangten Kostenbeiträge
noch nicht reichte, mußte man zuletzt leider sogar
die größte Glocke des Stiftskirchenthurms
verkaufen. Dieses tragische Geschick des ver-
armten Klosters gab im vorigen Jahrhundert
dem Volke Anlaß, den nothgedrungenen Schussen-

') Diarium abbatis Didaci. S. 46.

2) Diarium Nothhelfer. S. 112 und Archiv-
register Tomus I. 9h’. 64.

8) Archivregister Tomus I. Nr. 12.

rieder Glockenverkauf mit einem Gewebe von
Sage und Dichtung zu umspinnen: Man sprach
davon, die große Glocke sei, ehe sie vom Thurm ab-
genommen wurde, zum schmerzlichen Lebewohl
eine ganze Stunde laug geläutet worden, so
daß die ganze Ilmgegend mit Teilnahme und
bitterem Leid erfüllt worden sei. Auch wurde
irrigerweise behauptet, die alte große Glocke
von Schussenried sei immer noch in der Schweiz
im Gebrauch. Endlich hat die schaffende Phan-
tasie des Volkes dieser in schwerer Zeit aus
Soreth iveggegebeuen Glocke eine ganz unge-
wöhnliche Größe angedichtet, als „tväre sie eine
Schtvester der Hosauna von Ueberlingen gewesen."

Wenn man diese mythischen Zuthaten weg-
löst, dann bleibt folgendes als historischer Kern:
Die fragliche große Glocke hatte schon anfänglich
nur etwas über 40 Zentner geivogeu. Kurz
vor der Veräußerung war ihr aber der Kranz
abgebrochen worden, so daß sie beim Verkauf
bloß noch 31 Zentner 55 Pfund wog. Deshalb
ist es völlig allsgeschlossen, daß sie zum Abschied
hätte geläutet werden können. Dies ist auch
darum nicht möglich gewesen, weil sie damals
nur noch an vier großen Nägeln hiilg?) Der
Verkauf war nach langer Ueberlegung und Be-
ratung beschlossen lverden.

Nachdem zwei Glocken zum Bezahlen der
Satisfaktionsgelder aus denl Thurm weggegeben
waren, hat Abt Matthäus Rohrer den 2. Sep-
tember 1650 dieselben wenigstens durch eine
andere ersetzt. Er ließ nämlich diejenige Glocke,
tvelche auf dem Thor hing und welche mau bei
der Hillrichtung von Uebelthätern zu lälsten pflegte,
herabilehiileu liild weihte sie in der Kirchenvor-
halle zu Ehren des neuen Schussenrieder Schlitz-
heiligen St. Bincenz unb des hl. Theodul,
tvelche beide Blutzellgen sind. Gleich liach der
Beliediktivli wurde diese „redlich gemachte"
Armensünderglocke auf den Thurm verbracht?)

Scholl früher hatte übrigens eine bedeutsame
Aenderung in der Zusammensetzung des Klvster-
geläutes stattgefuuden. Dell 17. März 1613
war in Schussenried ein Vertrag zlvischen dem
Abt Martin Dietrich non da und dem Glvcken-
gießer Christoph Rosenhard von Nürnberg ab-
geschlossen worden. Jir diesem Koiltrakt wurde
vereiilbart, daß Meister Rosenhard für das
Kloster zlvei Glockeir zll gießen habe, die eine
solle ein Gewicht von „bei 20 Zentnern", die
alldere voll llngefähr 3 Zentnern bekommen. Das
Reichsstift machte sich verbindlich, dem Gießer
zlvei andere Glocken daranzngebeu.

Die beiden bestellten Glocken wurden im
August 1613 gegossen und am 13. ds. Mts. in
Nürnberg gewogen. Die größere hielt 21 Zent-
ner 10 Pfund, die kleine 3 Zentner 14 Pfund.
Da für deir Zentner 32 fl. verlangt wurden,
so bezahlte man für das Gelvicht der neuen
Glocken (24 Zentner 84 Pfund) 194 fl. 48 kr.
Mit dem Schiveligel,’ Joch, Fnhrlohn u. s. lv.
kamen diese Nürnberger Glocken auf 862 fl.
14 kr. zu stehen. Dagegen hatte der Gießer

') Sch. Hschr. 3. Theil. S. 115.

2) Diarium abbatis Rorer. 118. Der

Hauschronist spricht fälschlich von zwei Glöck-
chen. 3. Theil. S. 180.
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