Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 14.1896

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Schmelz v. Biberach". Auf der Mittelhöhe des
Mantels laufen, nnr wenig vvn einander ent-
fernt, im Kreise um die Glvcke mehrere fein aus-
geführte Heiligenbildnisse und das Wappen des
Abtes, tvelcher die Glocke gießen ließ, lieber
den vier Feldern des Wappenschildes stehen die
Buchstaben: I). A. Z. S. Sie bedeuten offen-
bar : Didakus Abt zu Schussenried.

Arrf der dein Abtsivappen gegeitüberliegenden
Seite ist das Bild M ariä mit denr Jesuskinde
im Arm, ohne Sinnbild und Inschrift. Links
vom Prälatenwappen steht der hl. Norbert,
in der Rechten eine Monstranz, in der Linken
ein Kreuz. Das Bild ist vorzüglich gelungen.
Vis-a-vis von der Figur des hi. Norbert be-
findet sich wieder iir Medaillonform das Voll-
bild des Schussenrieder Kirchenpatrons, S t. M a g-
nus. Zn den Füßen des Heiligen liegt der
von ihm übertvitiidene Drache; mit der Linken
reicht der Glaubensbote denr Ungeheuer den
todbringenden Apfel, in der Rechten hält er
ein Kreuz, während der wunderthälige Stab im
rechten Arm ruht. Ztvischen der Figur Mariä
und St. Norberti ist ein Relief angebracht, den
hl. Vincenz, dessen Leib in der Kirche auf-
bewahrt ist, darstellend. In seiner Rechten hält
dieser Märtyrer, welcher ehedem ein Kriegsmann
geiveseu war, ein Schwert, in der Linken einen
Schild. Den Boden auf dem er steht, bedecken
Ziergräser. Auf der entgegengesetzten Seite des
Glockenmantels findet sich das Bild des anderen
Heiligen, dessen Gebeine auf einem Altar des
Gotteshauses beigesetzt sind und nach dem eine
Kaplanei benannt ist, nämlich der Blutzeuge
St. Valentin. Die rechte Hand hat er auf
die Brust gelegt, mit der linken hält er die
Palme, das Symbol des Sieges. Auf de>n
Boden sproßt eilte Blume mit Blütheu. Unter-
halb dieser fünf Heiligengestalten stehen je die
Buchstaben: I. E. H. Sie bedeutet: sicher: in
ejus honorem d. h. ihm (ihr) zu Ehren. Mail
muß staunen über die Korrektheit und Eleganz
der fünf medaillouförmigen Basreliefs nub sich
wundern, daß trotz der Größe der Glocke eine
so tadellose Prägung der Bildioerke möglich war.
Obivohl der Abt bei der Glockenweihe verschie-
dene andere Heiligennauien einbezog, so hatte
er doch voi: Alifang an die fünf Heiligen, deren
Bilder an der Glocke zu sehen sind, als diejeni-
gen ins Auge gefaßt, zu deren Ehre er die Glocke
zu benedicireu willens ivar. Daher kann liian
ihr den Namen der „Fünfheiligenglocke" beilegen.
Sie lvar die Freude ihres Stifters, des Abtes
Didakus Ströbele, es mllß aber auch jetzt noch
jedermann ein herzliches Wohlgefallen an ihr
habeil. Der Glockenstnhl ist reichlich mit ge-
schnitzten Ornamenten versehen.

2. Diejenige Glocke, lvelche ihren Platz neben
der Fünfheiligenglocke hat, ist die zweitgrößte
und heißt im Volksmuud, übrigens nicht ganz
zutreffend, die „alte Glocke"; sie bildet keines-
wegs den ältesten Bestandtheil des Schussenrieder
Geläutes, lveliu sie auch mehr als 100 Jahre
vor ihrer eben beschriebenen Schwester gegossen
wurde. Ihren Hals umwindet ein Spruchband
mit der Legende: „Gottes wort bleibt elvig,

glaitb den: mit that, bist selig. Christof glockeu-

gieser zu lucruberg gos mich. 1613." (Miuuskel-
schrist.) Die Schweifung dieser im Guß auch
wohl gelungeneil alten Glocke ziert das Wappen
des damaligen Schussenrieder Prälaten Martin
Dietrich, es ist umfangreicher als dasjeilige auf
der Fünfheiligenglocke. Das sehr deutliche, qua-
drirte Wappenschild zeigt zloei gekreuzte Nach-
schlüssel als das Familienwappeu des Abtes
Dietrich nub wird überragt voll einer Mitra,
sie ist mit den: Bild der Gvttesniutter nebst dem
Jesuskind geschmückt, Maria hat lallgwallendes
Haar.

3. Die von Prälat Tiberius anilo 1709 ange-
schaffte, im mittleren Bett des oberen der beiden
für das Geläute bestimmten Stockwerke hängende
Glocke ist die größte unter den drei daselbst be-
findlichen kleineren. Sie wurde ehemals die
Frühmeßglo cke genannt; jetzt heißt mau sie
geivöhnlich die „A b l aßg l o ck e" ; denn so lange
die Gemeinde noch kleiner >var, lvurde sie vor
Verseygäilgen geläutet und lud zu der mit dem
Geivinnen eines Ablaßes belohnteil Begleitung
des Allerheiligsteil ein. Leider ist sie im Jahre
1867 zersprungen, umgegossen lvurde sie dann voi:
Meister Ostheimer in Böblingen, der fein Werk
den 2. Februar 1869 ablieferu wollte. Der
Neuguß hatte aber liicht den vertragsmäßig ver-
einbarten Ton äs sonderil b; darum wurde die
Annahme verweigert. Ostheimer strengte einen
Prozeß an, den er jedoch verlor. Nun wurde
der Glockenguß der Firma Kirchdörfer lind Wacker
in Hall übertragen, welche den 8. Februar 1871
eine neue Glocke mit dem gewünschlei: Ton sandte.
Den 9. d. M., Vormittags 10 Uhr, louröe von
Pfarrer Baccano die Benediktion vollzogen, den
13. die Glocke im Vorzeichen abgeholt und mit
Musikbegleituilg unter Vortrag des Kreuzes zum
Thurm begleitet. Während die Glocke in die
Höhe gezogei: wurde, schickte ihr der Geistliche
den Wunsch nach: „Erhebe dich liebe Glocke zur
Ehre Gottes und schalle zum Heil unserer armen
Seelen!" Als man sie zivei Tage später läuten
ioollte, versagte die Mechanik de-; Glockenstuhles;
erst nachdem das Hindernis; beseitigt ivar, konnte
sich die Gemeinde endlich nach dreijährigem Inter-
vall ivieder an dem Klang der Frühmeß-, be-
ziehungsweise Ablaßglocke erfreuen?) Der Neu-
gllß hat den gleichen Schmuck, welchen die Glocke
ursprünglich besessen halte: Am Haubenkranz die
Umschrift: Ackjatoriurn nostrum in nomine Do-
mini. Den Glockenmantel zieren drei in gleicher
Distanz von einander abstehende, halberhabene
Bildnisse: Maria mit der Unterschrift 8t. maler
Dei, ferner der hl. Norbert, endlich St. Augustin,
der die auf die Brust gegossene Herzfigur mit
der Rechten berührt, während die Linke den
Bischofsstab hält. Obwohl die drei Reliefs eine
ansehnliche Große haben, sind sie doch ver-
schwommen und unvollkommen. Am Glockenkranz
liest man: Kirchdörfer und Waker. Halt. 1871.
Toil „ns". Sämmtliche Worte sind mit großen
lateinischen Buchstabeil gegeben.

4. Die ztveitkleinste Glocke, die bis 1893 die

i) Dankenswertste Mittheilung des Herrn
Pfarrers Betz aus der Pfarrchronik.
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