Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 14.1896

Seite: 115
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Zweitälteste war, nennt man die Ch r i sten lehr-
g locke, weil an den Sonntagen mit ihr das
Zeichen zu den in der Pfarrkirche abzuhaltenden
Katechesen gegeben wird. Die in das Holz des
Glockenstuhles geschnittene Ziffer 1721 gibt nicht
das Alter der Glocke, sondern dasjenige des
eichenen Stuhles an. Die Krone der Glocke
besteht ans sechs, mit je einem bärtigen Manns-
antlitz geschmückten Henkeln, die sich um eilten
siebenten gruppieren, welcher der kräftigste von
allen ist. lim den Hals der Glocke läuft ein
Zierband mit der in großen römischen Lettern
gegebenen Umschrift: Jesus Nazarenus rex

Judeorum miserere nobis. Ferner ist an der
Glocke zu lesen: anno domini 1566. Unterhalb
des Spruchbandes zieht sich ein Fries mit vier,
gleich iveit von einander abstehenden, wappen-
artigen Ornamenten hin. Die Schweifung
schmückt eilte Krenzigungsgruppe (Basrelief):
Christus hängt aiil Kreuz, links vom Beschauer
steht Maria, rechts der heilige Johaulles. Den
Glockellkranz umwindet eine kettenartige Ver-
ziernng. — klebrigens bezieht sich diese Beschrei-
bung nur auf die Gestalt, ivelche der Christeu-
lehrglocke bis 1893 eigeil lvar. Leider ist die
mehr als 300 Jahre alte Glocke am Fronleich-
namsfest 1892 zersprungen. Nllir luurbe be-
schlossen, sie umgießen und am Nenguß die bis-
herige Inschrift lind die Kreuziguilgsgrilppe
tvieder anbringen zu lassen. Der Biberacher
Meister Zoller, tvelcher mit der Allsgabe betraut
wurde, schickte ben Neuguß, der den 7. Februar
1893 durch deil Güterbeförderer voll der Eisen-
bahnstativu in die Kirchenvorhalle geschafft wurde,
per Bahn liach Schnssenried. Die neue Glocke
tvnrde den 9. Februar zivischen 2 und 3 Uhr
nachmittags in den Thurm verbracht, nachdem sie
lun 1 Uhr desselben Tages durch Pfarrer Betz
geweiht wvrdell ivar. Sie hat Jahrzahl, In-
schrift und Bildtverk von der alten Christenlehr-
glocke übernommen; außerdem hat sie noch die
Notiz: „Umgegossen von Konrad Zoller in

Biberach 1893." Leider ist diese Bemerkung
eine gegossene Uinvahrheit; denn die jetzige
ChristeiUehrglocke präsentiert sich nicht, lvie in
Allssicht genommen lvar, als einen Umguß der
früheren, soildern als einen Neuguß; die zer-
sprungene Glocke lvllrde erst 9 Uhr morgens vom
Thurm abgelloillinen, während fünf Stnnden
nachher die neue scholl in deren Bette rrihte.
Sie hat etwas scharf nlld gellend den Ton C.
Die zersprungene, 241,50 Kilograuriu schivere
Glocke wllrde von Zoller übernommen; man
löste für das Kilogramm 1 M. 50 Pfg., also
zusammen 362 M. 25 Pfg. Die jetzige Christeil-
lehrglocke (lluterer Durchniesser 181h cm) lviegt
301,50 Kilogramm; man bezahlte dem Gießer-
Zoller für das Kilogranuu 2 M. 60 Pfg., somit
im ganzeli 783 Dt. 90 Pfg.

5. Die älteste Glocke des Geläutes ist die
sogenannte kleine Glocke. Zwar steht all
ihrenr derzeitigen Glockellftuhl die Jahrzahl 1721
und bezeugt, daß derselbe erst unter dem Abt
Didakus gefertigt worden ist, allein das Glöck-
cheir selbst ftanmit schon aus dem Jahre 1502.
Seiir oberer Kranz trägt nämlich in gothischeu
Minuskeln die Jnschrist: rex gloriae veni cum

pac(e). — anno domini mcccccll. Der Name
des Gießers ist nicht angegeben.

Das ganze Geläute, ivelches nach dem Asdur-
Dreiklang tönt, hat ein Gesammtgewicht von
ililgefähr 87 Zentnern.

Literatur.

C h r i st l i ch e Ikonographie. (Sin Hand-
buch zum Verständnis; der christlichen Kunst.
Von Heinrich Detzel. Ziveiter Band:
Die bildlichen Darstelluitgen der Heiligeit.
Mit 318 Abbildungen. Freiburg, Herder
1896. XVIII u. 690 S.

Nnil liegt Detzel's Ikonographie, deren ersten
Band wir 1895 S. 71 angezeigt haben, abge-
schlossen vor, — das erste deutsche Werk dieser
Art, eine Leistung, doppelt anerkennenswerth in
Anbetracht dessen, daß der Verfasser schlichter
Landpfarrer ist, fern von größeren Bibliotheken.
Dieser zlveite Band hat die ganz praktische An-
lage eines alphabetischen Heiligenkatalogs und
gibt voll rund tallsend Heiligeil eine kurze legen-
darische Lebcnsskizze, die Attribute und Patronate,
eine Uebersicht über die hervorragendsten bild-
lichen Darstellungen ails allen Jahrhunderten,
bei vielen livch eine Holzschnittlviedergabe (auch
Lichtdruck und Zinkcliches sind verivendet) der
einen oder andern Abbildung. Lv veranlagt ist
das Buch einmal ein vortreffliches Orientieruugs-
und Nachschlagelverk in hagivgraphischeil Fragen,
sodann eine kleine hagiolvgische Bildergallerie und
eilt Unterrichts- lind Borlageiverk für den schaf-
fendeil Künstler.

Was man billigertveise verlangen und er-
lvarten konnte, hat der Verfasser geleistet. Voll-
ständigkeit war hier so lveiiig zu erreichen, lvie
im ersten Band, eine streng kritische und gene-
tische Behandlltiig nnb Entwicklung noch weniger
als dort. Es muß dem Verfasser schon zum
Verdienst augerechnet werden, daß er die sekuu-
dären Quellen nnb auch Spezialarbeiten so gut
als möglich allsnützt und den Kreis der berilck-
sichtigten Abbildnugeu soweit als möglich aus-
dehnl, je unter Bevorzugung der ältesten lind
künstlerisch am höchsten stehendeil. Besseres kailu
erst geleistet, eine eigentlich wissenschaftliche Ikono-
graphie der Heiligen erst geschrieben werden auf
Grund vieler Vorarbeiten, auch einer kritischen
Untersuchnng der legendarischen Quellen, dann
möglichst zahlreicher kunsthistorischer Mono-
graphien über einzelne Heilige. Zu solchen

könnte gerade das Buch Detzel's Anstoß und
Anregung geben. Für die Zwischenzeit, bis
lvir eine ganz ans methodischer und kritischer
Forschlliig beruhende Ikonographie erhalten, kann
obiges Buch in die Lücke treten lind beste Dienste
leisten; es ivird inzwischen wohl noch in meh-
reren Auflagen erscheinen nnb so sich selbst noch
vervollkommnen können.

Atlas zum Katalog der im Ger-
llt anischen M u s e u in Vorhand e ri e it,
z n llt A b d r n ck b e st i m m ten Holz stücke
v 0 m XV.—XVIII. I a h r h. XII Tafeln
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