Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 15.1897

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Schmiede betheiligt war, denn Crispin ist
der Patron der ersteren, Eligius der der
letzteren. Was aber die beiden oberen
Reliefs darstellen, ist nicht leicht zu sagen;
man könnte vermuthen, daß links oben
St. Crispin zum Martyrium geführt wer-
den soll, während Crispinian betend da-
nebensteht; rechts oben sehen wir einen
Diakon einer knieenden, von zwei Männern
gehaltenen Gestalt eine Stola oder einen
Gürtel um den Hals legen itnb den Segen
spenden; vielleicht eine der wunderbaren
Heilungen, wie sie St. Laurentius von
der Legende zugeschrieben werden. Die
Zieraten und Skulpturen der Predellen-
nische sind verschwunden.

Das ganze Werk gehört der letzten Pe-
riode des gothischen Stiles an und ist in
der Behandlung des Figürlichen, nament-
lich des Relief, noch recht tüchtig — eine
Leistung der schwäbischen Schule.

2. Rechts vom Triumphbogen steht ein
ganz ähnlich geballter Altar, dessen oberes
Tabernakel ebenfalls sehr verstümmelt
wurde. Der Mittelschrein birgt ein figu-
renreiches Hochrelief, ein schreckliches Mar-
tyrium darstellend, wohl das der vierzig
Ritter oder Märtyrer, bereit Gebeine nach
der Legende zerschmettert wurden, nachdem
die Dlilder standhaft, aller Kleidung ent-
blößt, eine gallze Nacht in Winterskälte
auf gefrorenem See allsgehalten hatten.
Wir sehen rechts zwei Schergen, welche
die beiden letzten Ritter gerade über das
schroffe Felsgestein hinabstoßen; acht liegen
schon unten zerschmettert, einer ist im
Hinabstürzen begriffen; die beiden, welche
dieses Schicksal vor Augen sehen, ver-
hehleil ihre Angst und ihr Entsetzen nicht;
der vordere bedeckt mit beiden Händen das
Antlitz. Ihnen gegenüber steht der Prä-
fekt Agrikolaus, beit Befehl zu dieser grausen
Hinrichtung gebend und [eine Aus-
führung überwachend; lieben ihm lind
feinem Begleiter erblicken wir noch eine
dicke Gestalt mit eigenthümlich abgewandtem
rind verstörtem Gesicht —- vielleicht jener,
welcher llach der Legende ctuf dem gefro-
renen See der Lockung des nahen warmen
Bades nicht widerstehen konnte ititb durch
Abfall sein Leben rettete. Der ganze gräß-
liche Vorgang ist zwar mit naiver Unbe-
holfenheit, aber mit eindringlichem Ernste

geschildert. Die Flügel sind allßen itnb
innen mit Flachreliefs besetzt, eben]o die
hinter den Flügeln iloch angebrachten fest-
stehenden Tafeln (vgl. das zweite Blatt).
Diese Gestalten, die Madonna, Johannes
Evangelista, Christophorns, Sebastian,
Barbara und Katharina sind zwar feine
Kunstwerke ersten Ranges nnb in den
Gesichtern etwas geistlos nnb gewöhnlich,
aber doch, wie auch das Flachrelief der
Predella, Maria nnb Anna mit dem Jesus-
kind, noch recht nobel im Stil und vor-
nehm in der Gewandbehandlung. Sehr
hübsch ist das knieende Figürchen der
Stifterin des Altars in der Predella und
sehr zu bedauern, daß das Pendant des
Stifters nicht mehr da ist. Auch der
Crucifixns mit der Magdalena in der
Krönung ist von hoher Schönheit.

Der Altar ist wohl auch der schwäbi-
schen Schule zuzutheilen, aber von an-
derer Hand als sein Gegenüber und wohl
aus etwas früherer Zeit, ca. 1450. Sein
Bildwerk war mit Ausnahme der Augen
und Lippen nicht bemalt.

3. An der Nordwand des Chores steht
der einstige Hochaltar, ebenfalls ein Flügel-
werk mit Skulpturen; nur die Außen-
seiten der Flügel sind mit einzelnen Hei-
ligenfiguren bemalt. Die harten Linien
des viereckigen Mittelschreines sind durch
einen ins obere Gesims eingelegten Rund-
bogen, welchem an den Flügeln viertel-
kreisförmige Aufsäße entsprechen, wirkung-
voll durchbrochen und gemildert; leider
fehlt an diesem Gesims die einstige Maß-
werkkrönnng. Die Predellennische ist ans-
geleert, ihr Laubwerk zerstört, dagegen
gut erhalten das noch gewandt und ge-
schmackvoll ansgeführte Lanbornament des
Mittelschreins. Ihn füllt ein figuren-
reiches Gruppenbild en reliek: Mariä
Tod. Die Auffassung ist ganz die tradi-
tionelle. Die ans dem Bett in den letzten
Zügen liegende Gottesmutter hält, von Jo-
hannes unterstützt, die (jetzt fehlende)
Sterbekerze; Petrus gibt ihr auf der an-
dern Seite des Beites mit dem Aspergill
(welches ebenfalls samt der Hand weg-
geschlagen ist) das Weihwasser; der Apostel
vor ihm hält den Kessel; mehrere beten
aus Büchern, andere geben sich ihrem
Schmerze bin; die zwei im Vordergrund
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