Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 15.1897

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rechts hielten wahrscheinlich einst das
Ranchfaß; im Hintergrund halten zwei
angemalte Engel einen Teppich. Ans den
Flügeln viel flacher gehaltene Reliefs der
Verkündigung, Heimsuchung, Geburt Christi
und Anbetung der Weisen. Im oberen
Tabernakel, das viel von seinem Schmuck
eingebüßt hat, der sog. Gnadeustnhl (Gott-
vater hält den für das Heil der Welt
in Schmerz und Tod gesunkenen und zu-
sammenbrechenden Gottmenscben), der
Täufer, St. Wendelin und zuletzt St.
Georg zit Pferd.

Der Stil dieser Skulpturen unterschei-
det sich ganz charakteristisch von dem der
andern Altäre. Sie hauchen den Ver-
wesnngsdust einer absterbenden Periode
aus und gleichzeitig weht aus ihnen ein
scharfer Zug, welcher eine neue Periode
ankündigt. In der Konstruktion und
Komposition hält sich noch alles so ziem-
lich in den Linien der gothischen Tra-
dition, aber in der Einzelbehandlnng ver-
räth sich bereits der Geist der Renaissance,
besonders in der Gewandung, in dem
Streben, die Glieder durch das Kleid
hindurch scheinen zu lassen, in der stark
bewegten Haltung der Figuren. Nach
allen diesen Anzeichen ist das Altarwerk
ein Repräsentant des allmähligen Ueber-
gangs von der Gothik in die Renaissance.
Eine gewisse Verflüchtigung des seelischen
Gehaltes ist unverkennbar und das natu-
ralistische Streben des Künstlers kann
umsoweniger günstigen Eindruck machen,
da seine Naturkenntniß und sein technisches
Können gering ist. Der Altar hat noch
ganz die ursprüngliche Bemalung.

4. Von den nicht weniger als drei
S akrame nts h äusch e n unserer Kirche
gibt ein eigenes Blatt das schönste in
zwei Ansichten wieder, wirklich eine in
Stein übersetzte Monstranz mit schlankem
Fuß, zierlichem Gehäuse und überaus
reichem krönendem Baldachin, der in einem
Fialenthürmcheu nach oben verklingt in
der Höhe von beinahe 13 m. Vom
Statuettenschmuck ist viel verloren gegangen,
bloß die im Baldachin geborgenen Bilder
der Madonna, Anna, Katharina, Barbara
blieben erhalten. Dank einer daneben-
gesetzten Inschrift und dem Meisterzeichen
am Gehäuse können wir Meister, Stifter

und Jahrzahl dllseö köstlichen Kabinett-
stückes spätgothischer Steinsknlptnr an-
geben. Der letzte Erbauer der Kirche hat
1520 auch dieses Kunstwerk gefertigt,
gestiftet hat es Hans Reich, der eine
Bretzel in seinem Wappen führt; denn so
lautet die Inschrift über dem Manerbogen:
„Anno domini 1520 hat der ersam haus
reich zu lob und ere got dijs sacrament
hus lassen machen aoch dar zu erlangt
allen cristen Menschen die das heilig
sacrament alle Dornsta (Donnerstag) an
diser stat eren mit 3 pater nr (Pater-
noster) 40 tag ablas totlicher sind (Sün-
den) und 100 tag teg sind (täglicher Sün-
den) bit g. s. d. s. (bitt Gott für den-
selbigen) A(men)". Diese Inschrift ist in
ihrem zweiten Theil äußerst kurz und
bündig in der Fassung und bedarf einer
näheren Erklärung. Hans Reich hat sich
für diese seine Stiftung von der kirchlichen
Obrigkeit (vom Papst oder Bischof) einen
Ablaß ertheilen lassen in der Weise, daß
jeder, welcher vor diesem Sakramentshans
zu Ehren des darin ansbewahrten heiligsten
Sakramentes am Donnerstag (dem Tag
des Altarssakramentes) drei Paternoster
betet, so vieler Sündenstrasen entledigt
wird, als er nach Abbüßung und Nach-
lassung von Todsünde in vierzigtägiger
Kirchenbnße nach alter Bnßdisciplin hätte
tilgen können, oder so vieler, als ihm bei
wahrer Reue über tägliche oder läßliche
Sünde in hunderttägiger Kirchenbuße er-
lassen worden wären.

5. Als herrlichstes Juwel alter Kunst
ist aber der Kirche erhalten geblieben der
überlebensgroße Cr u c fi p u s im nörd-
lichen Seitenschiff, dem eine eigene Tafel
gewidmet ist. Tüchtiger Natursinn in Ver-
bindung mit hohem Ernst und Adel der
Auffassung machen diesen Leib — wohl
das Ideal eines Menschenleibes in solcher
Lage — des Gottmenschen würdig. Tiefe
Innerlichkeit, höchste Seelengröße, de-
müthigste Ergebung sprechen ans dem —
dem Volk entlehnten und nur ein klein
wenig idealisirten — mit einer Fülle
naturalistischer Locken umrahmten Gesichte.
Die schwere Dornenkrone hat es im Tode
gebeugt; die Augen sind halb geschlossen;
soeben ist das letzte Gebet: „Vater, in
Deine Hände empfehle ich meinen Geist"
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