Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 15.1897

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die Legende berichtet, daß er als böser
Dämon des Kaisers ihm den Nach ge-
geben habe, die Jungfrau der Radtortnr
zn unterwerfen; hier würde er dem Kaiser
die Nothwendigkeit der sofortigen Exekution
des TodeSnrtheils snggeriren. Der Hen-
kersknecht und eine Nebenfigur stehen im
Hintergrund. .

Diese Darstellung des Martertodes der
Heiligen findet sich sonst nicht und manche
Züge derselben gehen über die traditionelle
Legende hinaus, so namentlich die Tröstung
und Segnung durch einen Diakon. Be-
deutsam ist an ihr hauptsächlich das, daß
nicht wie sonst üblich die Vollstreckung
des Todesurtheils geschildert wird, sondern
der Moment vor der Vollstreckung, daß
der Scharfrichter nicht bereits zmn Streich
ausholt, sondern noch ganz abseits gestellt
ist. Darin offenbart sich ein zartes künst-
lerisches und kirchliches Empfinden, dem
es widerstrebte, eine Enthauptuugsscene
znm Mittelpunkt eines Altars zn machen,
dem nur daran lag, die Standhaftigkeit,
den heroischen Glanbensmnth und die
Sterbenssreudigkeit der Märtyrin zn ver-
herrlichen und zugleich auf deren über-
natürliche Quellen aufmerksam zu machen:
das Wort Gottes und den Segen der
Kirche.

Die Mittelgrnppe flankiren die lebens-
großen Gestalten der beiden Johannes,
welche ans eigenem Blatt in größerem
Maßstab gegeben sind. Eine der Haupt-
schönheiten des Altars bildet aber das
überaus reiche, durchbrochene Laubwerk,
womit das ganze obere Drittel des Schreins
übersponnen ist. Ans vier schlanken Säul-
chen, wie ans zierlichen Banmstämmchen
heraus sich verzweigend und verästelnd,
ordnet es sich zn schöngeschwnngeneu Guir-
landen, welche die unteren Figuren graziös
überwölben und oben vier köstliche runde
Laubnischen bilden, aus welchen die Brust-
bildchen des hl. Martin, Georg, Nikolaus
und der hl. Elisabeth heransschanen —
ein überaus liebliches Zusammenspiel von
figürlicher und ornamentaler Skulptur.

Eine hohe, lichtdurchbrochene Krönung
bildet den Uebergang vom Schrein znm
ober eil Taber n ak el werk, welches
sich dreigliedrig oder dreithürmig aufbaut
rmd ein Weltgerichtsbild herbergt. Im

I Mittelbaldachin thront der Weltenrichter
aus dem Regenbogen, dessen Enden seit-
lich hinausragen imb von kleinen Wölk-
chen ausgenommen werden; zn seinen Füßen
knieen rechts und links Marm und der
Täufer, die ständigen Gerichtsfürbitter; in
der Mitte repräsentiren lieblich in die
Lanbkrönnng vertheilt fünf kleine nackte
Gestalte» die ans den Gräbern aus-
erstehende Menschheit, aber nur den ge-
rechten Theil derselben, denn ihre fröh-
lichen Gesichter bezeugen, daß sie das
Gericht nicht zu fürchten haben. Vier
Gerichtsengel mit den Leidenswerkzeugen
scheinen frei in der Lust zu schweben,
während der fünfte mit der Posaune des
Weltgerichts in der obersten Bildnische
über der Statue der Gottesmutter mit
dem Kinde seinen Platz gesunden hat..

Weniger bedeutend und voil plumperer
Hand sind die vier Reliefs der Flü-
gel, darstellend die Verkündigung, Geburt
Christi, Anbetung der Weisen und Flucht
nach Aegypten, und die darüber ange-
brachten zwei Prophetenbrustbilder. Die
Gestalten sind hier ausfallend gedrungen,
die Stellungen zum Theil unnatürlich,
die Gesichter gewöhnlich und roh, die
Staffage sehr unbeholfen.

Sieht man von diesen Reliefs ab, so
verdient der Altar einen guten Platz in
der langen Liste der uns noch erhaltenen
mittelalterlichen Flügelaltäre. Wer ist
sein Meister? Keine Inschrift und keine
Kircheurechnnng hat seinen Namen uns
übermittelt. Es läßt sich nur sagen, daß
er höchst wahrscheinlich ein Werk der
schwäbischen Schule ist und der zweiten
Hälfte des 15. Jahrhunderts angehört.
Seine Bedeutung liegt in der tüchtigen
Konstruktion des Aufbaues, in dem großen
Stil und Wurf, der noch die Gestalten
belebt, und in dem noch mit Geist,
Schwung und gutem Geschmack behan-
delten Ornament.

Denkmäler christlicher Runst im
Osten.

1. Neuentdeckte W a n d in a l e r e i e»
i 11 bei' Nicolaikirche in Danzig.

Danzig, das nordische Venedig, die ur-
alte Königin deö baltische» Meeres, die
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