Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 15.1897

Seite: 15
DOI Heft: 10.11588/diglit.15902.9
DOI Artikel: 10.11588/diglit.15902.13
DOI Seite: 10.11588/diglit.15902#0023
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/afck1897/0023
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
0.5
1 cm
facsimile
— 15

Literatur.

DieDeutsche Gesellschaft für ch r i st-
liche Kunst. Jahresausgabe 189 0.
Mit 12 Foliotafeln in Kupferdruck und
Phototypie und 20 Abbildungen im Texte,
ausgewählt durch die Juroren Professor
G. Hauberrisser, Prof. Gabr.Seidl,
Balth. Schmitt, H. M. Wadere,
M. Feuerstein, Gebh. Fugel und
Univ.-Professor Dr. Bach und Pfarrer
Detzel. Nebst (24 S.) erläuterndem Text
von F ranz Fe st i n g , Pfarrer in Nieder-
roth. In elegantem Umschlag M. 15.

Die immer mehr sich ausbreitende unb bald
1200 Mitglieder, darunter fast den ganzen Epis-
kopat Deutschlands, zählende Deutsche Gesell-
schaft für christliche Kunst sendet bereits
die vierie Jahresmappe in die kunstschaffende
und kunstliebende Welt hinaus, reicher angefütlt
als alle bisherigen Sendungen. Wir erhalten
in dieseiit Jahrgauge näinlich außer den 12 Voll-
blättern noch 20 Bilder im Texte. Architektur,
Plastik und Malerei sind durch herrliche Blätter
nainhafter Meister vertreten. Den ersten Rang
unter den der Baukunst gewidmeten Tafeln xtub
Textbildern vindieiren wir unbedingt Tafel I mit
der Seitenansicht der neuen S t. B enn ok i rch e
in M ü n ch e n nach den Plänen des Professors
L. Nomeis. Die Reproduktion dieser im ächten
alten Geiste romanischer Baukunst hergestellteu
Kirche ist selbst ein Kunstwerk. Diesem groß-
artigen Baue gegenüber zeigt Tafel V mit der
K irche der T ö ch t e r vom heiligen E r-
löser in Würz bürg nach den Plänen des
Architekten J oh. Schmitz in Nürnberg, wie
der ivahre Künstler auch mit einfachen Mitteln
durch klare Anordnung und geistvolle Ausge-
staltung des Grund- und Aufrisses ein sowohl
den realen Bedürfnissen entsprechendes als auch
stimmungsvoll tvirkendes Bauwerk zu schaffen
vermag. Für Verhältnisse, wo mit den Geld-
mitteln zu sparen ist, haben wir zwei weitere
Beispiele dieser Einfachheit und dennoch guten
architektonischen Wirkung in den von dem Sig-
maringer Architekten Theod. Laur entworfenen
Plänen für die Filialkirche in Kaiserin g und
die Pfarrkirche in Stetten. Grund- nnb Aufriß
zeigen sowohl den praktischen Mann als den
durchgebildeten Künstler.

Zum erstenmale seheil mir in der diesjährigen
Mappe auch ben romanischen und gothischen
Altarbau vertreten: den erstereu in dem Hoch-
altaraussatz für die neue St. Bennokirche, desseil
Entwurf von L. Rom eis, dessen Bilder aber
von Waders stammen; ausgeführt ivurde er
in der Werkstätte des Rudolph Har rach in
Ai ü ii ch eit. Die Bilder sind für ihre strenge
Stilart trefflich modelliert, das Material des
Altares ist sehr kostbar, doch zeigt der Entwurf
in seiner Anlage nichts Besonderes und die
dekorativen Elemente erscheinen in der Ausfüh-
rung mehr protzig als künstlerisch schon. Noch
einfacher in der Konstruktion ist der neue Marien-
altar, ebenfalls für die St. Bennokirche, aber
ausgezeichnet ansgestattet mit Bildern. Die

Hauptnische enthält eine herrlich schone Madonna
mit dem Kinde, in Marmor ausgeführt von
Balth. Schmitt; von demselben Meister sind
die ebenso originell ansgefaßten als hochkünstlerisch
durchgeführten Reliefs an den Flügeln und in
der Predella des Altares. Der gothische Ent-
wurf zu einem Marienaltar von Theodor
Schnell jun. in Ravensburg lehnt sich au
die besten derartigen Muster des Mittelalters
au. Uebrigens hätten wir dem von dem gleichen
Meister ebenfalls der Jury vvrgelegteu Entwürfe
zum jetzigen Kreuzaltare in der Frauenkirche zu
Ravensburg den Vorzug gegeben; er hat
dem jungen Meister bei der letztjährigen schwäbi-
schen Ausstellung in Stuttgart mit Recht die
goldene Medaille eingetragen. Es dürfte sich
darum die nächstjährige Mappe au einer größeru
und vielleicht mit einzelnen Details versehenen Re-
produktion dieses Allares durchaus nicht schämen;
jeder, der den Standort des Werkes und sein Zweck-
bestimmung mit eigenen Augen sieht, wird erken-
nen, daß hier eine schwierige Aufgabe ebenso ori-
ginell gelöst als künstlerischfein durchgeführt ist.

Außer den erwähnten plastischen Werken.
neuneu wir noch die auf Tafel VI so klar und
scharf gekommene Abbildung eines Schreinreliefs
zu einem Herz Jesu-Altar von Bildhauer T h o-
mas Busch er, das fast zu ängstlich symmet-
risch angeordnet doch Gestalten voll Wahrheit
und Leben vorführt. Das gleiche gilt von den
im Texte photographisch trefflich reproduzirten
strengen Gestalten des Georg AlbertsHofer
und den mehr au den alten Nürnberger Veit
Stoß sich aulehnendeu Heiligeugestalten Sankt
Jacobus maj. und St. Martinas von dem
Münchener Jacob Brand l.

Gerade die Hälfte der Vollblätter und fast
auch die Hälfte der Bilder im Texte ist der
Malerei gewidmet. Ist das Urtheit über die
aufgenommeuen Darstellungen aus der Archi-
tektur und Plastik, so weit wir es erfahren haben,
fast ein einstimmig günstiges, so gehen die An-
sichten über einzelne Ausnahmen aus der Malerei
— d. h. über die Auffassungsweise der Originale,
denn die Reproduktion aller Blätter und Bilder
im Text ist eine äußerst korrekte und wahrhaft
künstlerische — weit auseinander. Ein Artikel
über einen Vortrag „Idealismus in der kirch-
lichen Kunst" im „Westfälischen Merkur" be-
ginnt mit den Worten: „Wie das neueste Jahres-
hest der Gesellschaft für christliche Kunst durch
seinen Inhalt beweist, versucht der krasseste
Realismus sich bereits in die kirchliche Kunst
einzudrängeu." Man könnte nach diesen Worten
glauben, als würde der ganze Inhalt der dies-
jährigen Mappe einem solchen Realismus hul-
digen und als sähe die Gesellschaft in der ge-
treuen Wiedergabe des in der Natur Gebotenen
die höchste Aufgabe der Kunst. Allein dem
widerspricht der bei weitem größte Theil der
aufgenommeuen Bilder; nur einigen Darstellungen
hätten wir die Ausnahme in die Mappe versagt
gewünscht. Die beiden Propheten von Leo
Samberg er, namentlich der Prophet Ezechiel
im Text, ivie auch nicht minder die „Madonna"
von Schuster Waldau entsprechen wohl den
lveuigsten Mitgliedern des Vereins aus der
loading ...