Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 15.1897

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neu hergestellt werden, da die oberen Grup-
pen mit der heiligen Jungfrau und den sie
umgebenden Engeln heruntergefallen, von
dem unteren Theile aber mit den am leeren
Grabe stehenden Apostelgestalten nur noch
einige Figuren erhalten waren. Diesem
mächtig großen Bilde reiht sich zunächst
am Chorbogen die Darstellung der heiligsten
Dreieinigkeit und über der Orgelempore
die von mnsicirenden Engeln a». An der
Stirnwand des Chorbogens über den beiden
Seitenallären sieht man „Mariä Verkündi-
gung" und zwar links die heilige Jung-
frau, rechts bcn Engel. An den vier Ecken
der Plafonddecke sind eintönig blau in
blau die vier Evangelisten angebracht und
zwar in ziemlich schwunghafter, flotter Zeich-
nung. Am besten erhalten und auch am
interessantesten in ihrer Art sind die vier
trefflichen Kompositionen am Plafond des
Schiffes, welche Darstellungen ans der Ge-
schichte des Dentschordens enthalten, näm-
lich die Verleihung der Wappenprivilegien
des Ordens. Sie sind ebenfalls eintönig
gemalt und zwar gelb in gelb, haben aber
mit Gold aufgesetzte Konturen, welche den
Darstellungen eine eigenthümliche Lebendig-
keit und Frische geben. Die erste Kompo-
sition, vorne links, zeigt, wie der Papst
den Dentschherren das Privilegium erlheilt,
das schwarze Kreuz im weißen Felde als
Wappen zu tragen. Das diesem gegenüber-
liegende Feld hat die Darstellung, wie König
Heinrich von Jerusalem dem Dentschorden
das Recht einränmt, das schwarze Kreuz
mit Gold zu umranden. Ans dem folgen-
de» dritten Bilde auf der gleichen Seite
sieht man, une Kaiser Friedrich II. dem
Orden das Privilegium erlheilt, den Reichs-
adler als Herzschild im Wappen führen
z>t dürfen. Das letzte Feld endlich zeigt
den König Ludwig den Heiligen, wie er
dem Dentschorden daö Recht verleiht, die
goldene Lilie in den vier Balken dem Wappen-
krenze einfügen zu dürfen. In den Mitten
der breiten Hohlkehle, welche den Plafond
von den Seitenwänden des Schiffes trennt,
sind ztvei Marlyrerseenen als Tonbilder
rot in rot gemalt, wovon die eine Scene
dem gräßlichen Martyrium des heiligen
Bischofs Erasmus gleicht; es wird aber
wohl das Martyrium zweier Ordensmit-
glieder dargestellt sein, das diese — nach
der Umgebung zu schließen — im Morgen-

lande erduldeten. In der Kapelle der linken
Seite sieht man oben die Auferstehung
Christi nndzwei allegorische Bilder „Glaube"
und „Hoffnung", in der rechten Kapelle den
zwölfjährigen Jesus im Tempel und die
Allegorien „Klugheit" und „Starkmnth".

Im Frühjahr 1896 wurde die Restau-
ration der Kirche fortgesetzt und zunächst
daö ganze Schiss mit neuen Fenstern ver-
sehen. Es wurden dazu, was für Barock-
und Nococokircheu besonders zu empfehlen
ist, sogenannte gesandelte Autikgläser ver-
wendet, ein sehr starkes Glas, welches daö
vollständige Licht durchläßt und also vor
jeder Verdunkelung schützt, ein Umstand,
der, abgesehen von allen andern, für rich-
tige architektonische und malerische Wirkung
der Spätstile unerläßlich ist. Mit Aus-
nahme der beiden Fenster in den Seiten-
kapellen wurde von eigentlicher Glasmalerei
abgesehen nitd nur dem Stile der Kirche
entsprechend und von Maler Mezger ent-
worfene Bordüren schmücken die sonst ein-
tönigen Fenster. Die Seitenkapellen haben
je ein Medaillon mit einem Brustbild, rechts
St. Michael als Kirchenpatron, links St. Jo-
hannes von Nepomuk, weil nach einer Ur-
kunde zur Zeit des Dentschordens für jene
Kapelle ein Altar zu Ehren dieses Heiligen
geplant war und weil diese Kapelle die
Beichtkapelle ist. Die Fenster, alle trefflich
und solid gearbeitet und auch tüchtig in
den beiden Medaillons, wurden in der
Glasmalerei von Schell zu Offenbnrg
hergestellt und von Glasermeijter Fuchs
in Sanlgan znsammengestellt und einge-
setzt. Die Kosten sämmtlicber Fenster be-
trugen 3080 Mark, ein großes Fenster im
Schiss kam ans 170 Mark, ein Medaillon-
senster in der Seitenkapelle ans 420 Mark.

Nachdem die Fenster eingesetzt waren,
wurde mit der Restauration des Chores
begonnen, der in seinen Farbentönen
etwas heller gehalten wurde als das
Schiss. Die Stuccaturen, wohl ans spä-
terer Zeit als die im Schiff und auch
zahlreicher, aber plumper angelegt, wurden
durch etwas reichere Vergoldung gehoben
und so besser mit dem Ganzen in Har-
monie gebracht. Das mäcbtig große Pla-
fondgemälde des Chores, 16 Meter lang
und 9 Meter breit, das die Immaculata
darstellt, wie sie von den fünf Erdtheilen
verehrt wird, wurde gereinigt und das
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