Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 15.1897

Seite: 30
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aus der Pfote zieht. Die Statuen sind
gut erhalten und uubemalt; nur die Augen
und die Lippen zeigen Spuren von etwas
Farbe. Die Flügel sind noch vorhanden,
aber auf der Außen- und Innenseite voll-
ständig leer; die Reliefs oder Gemälde,
welche sie einstens schmückten, sind ver-
schwunden.

Charakter und Gediegenheit der Orna-
mentik wie der Statuen weist diesem Altar
einen hohen Rang an unter den erhaltenen
Altarwerken vom Ende des 15. Jahr-
hunderts. Schwer ist es, die Schule zu
bestimmen, der er entstammt. Soviel ist
wohl sicher, daß er kein Werk der schwä-
bischen, sondern der fränkischen Schule ist.
Es bleibt nur die Wahl zwischen der
Würzburger und der Nürnberger Schule.
Die erstere scheint aber mehr Anspruch
auf ihn erheben zu können, da in der
ganzen Formgebung, in der Charakterisirnng
der Köpfe, in der afsektvollen Belebung
der Gesichter, wie in der Behandlung der
Gewänder sich Anklänge an Til Riemen-
schneider nicht erkennen lassen. —

IV. Die jetzt evangelische Kirche St.
I ohannes Bap tista in Crailsheim
war ursprünglich romanisch, erhielt 1398
eineil gothischen Chor und erfuhr im
15. Jahrhundert einen gothischen Umbau
des Langhauses. Nebst einem schlanken,
zierlichen Sakramentshaus in Thnrmsorm
von 1498 am Chorbogen hat sich in ihr
noch erhalten der H o ch a l t a r, ein Flügel-
werk von einfachster Anlage, aber mit
reichem Skulpturen- ltnb Gemäldeschmuck.
Der Schrein hat in der Mitte eine starke
rechteckige Erhöhung, der ebensolche Auf-
sätze an den Flügeln entsprechen. Die
hierdurch gebildeten scharfen Ecken sind im
Innern des Schreines gemildert durch
einen über dessen ganze Breite und über
die ganze Figurengrnppe gespannten schön
geschwungenen, mit Dreipaßmaßwerk be-
säumten Bogen von der Form des soge-
nannten EselsMckens; dieser Bogen ist
durchwachsen mit Laubwerk, das die vier
Ecken allsfüllt; seine Motive sind nicht
mehr ganz rein stilisirt, svlldern bereits
etwas zöpfisch verschnörkelt, doch nicht
gerade unschön. Die photographischen
Tafeln von Schüler in Heilbronn geben
den Altar mit all' seinem Detail aufs
genaueste wieder.

Eine e r g r e i s e n d e Kre n z e s gr il p pe
von fünf Figuren füllt den Schrein. Sehr
merkwürdig ist vor allem das Bild des
Gekreuzigten selbst, ein Bild voll Todes-
poesie und voll dramatischen Gehaltes.
Zwei besondere Tafeln sind ihm gewidmet;
die eine zeigt das Krenzbild für sich allein
im größeren Maßstab, die andere gibt den
Kopf in ungefähr natürlicher Größe wieder.
Mit Hilfe dieser vollendeten Abbildungen
ist es möglich, jebeit Zug des Originals
zu studieren und zu belauschen. Mit Hint-
ansetzung der idealen Seite der plastischen
Schönheit ist der Moment des Sterbens
in unsagbarer Qual unverhohlen und meister-
hast wiedergegeben. Die herabgesnnkenen
Lider, die abgehärmten Wangen, der über-
aus schmerzliche Zug um die wohlgebildeten
Lippen, zwischen denen die untere Zahn-
reihe zum Vorschein kommt, — das alles
erzählt von einem Uebermaß körperlichen
und seelischen Leidens. Man fühlt hier,
daß kein Bildhauer so zu meißeln vermag,
wie der Tod. ltnb doch ist nicht alles
tot. Was stirbt und gestorben, ist nur
das Fleisch; unter seiner Hülle webt noch
das Leben nnb breitet einen letzten Schimmer
über die gefurchte Stirne und das einge-
fallene Antlitz; die geschlossenen Angen
strahlen liach innen und betrachten eine
geheimnißvolle Welt. Immer ausdrucks-
voller und sprechender lvird dieses Dnlder-
antlitz, je länger man es betrachtet. Seine
Todestrauer senkt mehr und mehr ihre
Schatten in die Seele des Beschauers, lind
so furchtbar der Anblick ist, er hat etwas
unwiderstehlich Ailzieheildes u>ld Bannendes.

Ganz im Bannkreise dieses liilgehellren
Todesleides steheil auch die vier ums Kreuz
versammelten Personen, vor allem die
Schilierzensmntter, die ihre gefalteten Hände
zum Kreuz erhebt, deren schönes, durch
Weinen nnb Mitleid noch mehr verschöntes
Antlitz aber nach vorn schaut und den Be-
schauer nill ein Tröpflein Mitleid, um
eine Thräne für den großen Toten zu
bitten scheint. Wie im Uebermaß des
Schiilerzes erstarrt ist das zum Gekreuzigten
aufblickende Alitlitz des hl. Johannes. Von
gleichem Schillerze zeugt and) das Antlitz
des Täufers nnb des Apostels Andreas;
der erstere, der schon liach der Taufe seinen
Jüngern beit Messias vorstellte als daö
Gotteslamm, welches ans sich nimmt
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