Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 15.1897

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und wegnimmt die Sünde der Welt
(Joh. 1, 29, 36), verkündigt nun den Voll-
zug des Todesopfers, das consummatum
est, es ist vollbracht; Andreas predigt,
daß es Pflicht des Christen sei, Leiden
und Tod des Erlösers mitzuleiden und
mitznsterben, wenn nicht in buchstäblichem
Sinn, wie der Apostel selber am Kreuze
endete, so doch durch geistiges Mitgekrenzigt-
werden und Mitsterben (Rom. 6, 3 sf.).

Niemand, der sich in die Tiefen dieser
Darstellung versenkt hat, wird uns Unrecht
geben, wenn wir dieselbe um ihres reichen
Gedankengehaltes, um der Tiefe der Em-
pfindung, um der psychologischen Kraft
der Schilderung willen zu den vorzüglichsten
Kreuzesdarstellnngen rechnen, welche das
Mittelalter uns hinterlassen hat. Dazu
kommt noch die Vollendung der Technik,
welche bereits einen gewissen Naturalismus
zu Hilfe zieht, aber noch ohne jede Schä-
digung des durchaus idealen Charakters.

Nicht ans der Höhe dieser Hanptgrnppe
steht die Darstellung der Grablegung in
der Nische der Predella; der Leichnam
erscheint hölzern, nur das heilige Haupt
ist seiner ansgebildet nitb das Antlitz in
tiefen Frieden gelegt. Die weinende Mutter,
Johannes und die Frauen mit den Salb-
gesäßen versinken zu sehr im Hintergrund,
aber gilte Figuren sind die beiden Ge-
stalten, Joseph voit Arimathäa tind Niko-
demus zu Füßen unb zu Hänpten des
Leichnams. Atis die Flügel der Predella
ist in Brustbildern eine Reihe von Heiligen
gemalt, St. Laurentius, Martinus, Ka-
tharina, Ursula, Bischof mit Kirchenmodell
u. a>, außen Christus unb die Apostel.

Die 1856 (leider) restanrirten Gemälde
der großen Flügel erzählen ans den Außen-
seiten Episoden ans der Geschichte des
Täufers (die Predigt in der Wüste, die
Taufe Jesu, das Mahl des Herodes und
die Enthauptung, die Verbrennung seines
Leichnams [?]), auf der Innenseite Scerien
der Passion: Jesus am Oelberg, Geiße-
lnng, Dornenkrönung, Kreuztragung. Die
letzteren sind in der üblichen mittelalter-
lichen, unverkennbar durch die Passions-
spiele beeinflußten und verschärften Dar-
stellungsweise gegeben, nicht ohite derbe
drastische mib groteske Züge, aber auch
tticht ohne lichte, ideale unb versöhnende
Momente; unter die letzteren ist zil rechiteit

die edle Auffassung des Heilands an der
Geißelsänle, die Theilnahme der durch eilte
Maneröffnnng hereinschanenden Mutter an
der Schmach der Dornenkrönung, ihre
Begleitung des Heilandes auf den Kreuz-
weg, Veronika mit dem Schweißtnch und
Simon von Cyrene, der in mitfühlender
Ehrfurcht die Kreuzeslast schleppen hilft.

Die Skulpturen waren früher ganz be-
malt, wurden aber 1856 mit häßlicher
Steinfarbe überzogen; daß auch dieser
Altar nicht der schwäbischen Schtile znge-
hört, sondern der fränkischen, kann kaum
einem Zweifel unterliegen. Aber seine
Eigenart weist tticht nach Würzbnrg, sou-
dern nach Nürnberg unb zwar, wie schon
früher erkannt wurde, ans die Werkstätte
des M i ch a e l W o h l g e m tt t h (1434 bis
1519), welcher die Nürnberger Maler-
schtile einfettete mit einem neuen, realisti-
schen Stil, der ttiederläitdische Einflüsse
zeigt unb es besonders auf individualistische
Charakterisirnng absieht. Wohlgemnth
führte zwar selber bloß ben Pinsel, nicht
auch Stichel und Meißel, aber er unter-
hielt zugleich eilte Bildhanerwerkstatt, atts
der zahllose skulptirte unb gemalte Altar-
werke hervorgingell. Wir ftnben in den
unter dein Blntbann der Passion stehen-
deit Gestalten der Krenzesgrnppe, in dem
ailch iit Gemälden Wohlgemnths vorkom-
mendeu Typtis des Gekreuzigten, in dem
kräftigen, überreichen Faltenwurf, tu den
Charakterköpfen der Statuen wie in der
derben, doch zarterer Empfindlingen nicht
baareu Passionserzählung der gemalten
Flügel, endlich in den runden Gesichtern
der Frauen mit dem kleinen Mund die
Merkmale der Schtile Wohlgemnths wieder,
so daß wir wohl ihr unser Werk znschreiben
dürfen, ohne entscheiden zu wollen, wie
weit die Hand des Meisters selbst, wie
weit Schülerhand bei den Gemälden be-
teiligt ist. —

St. XTCtcfjael iit Londorf.

Das „Archiv" brachte in seiner Nummer 2
u. a. eine interessante Tafel aus der Kapelle
Londorf, der alten Pfarrkirche von Vollmaringen.
Die heutige Nummer führt den Lesern ein zweites
altdeutsches Gemälde vor Angen, lvetches den
hl. Michael, ben Patron der genannten Kapelle,
darstellt. Dasselbe lvnrde vor einiger Zeit von.
der Wittlve des verstorbenen Malers Breitenbach
in Mergentheim käuflich erivvrben und soll aus
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