Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 15.1897

Seite: 32
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einer evangelischen Kirche in der Nähe von Erken-
brechtshausen, OA. Crailsheim, stammen. Zn der
Zeit, mv das Bild in den Besitz vv» Maler Breiten-
bach kam, sei, so wurde mir berichtet, nur der
Kvpf gut erhalten gewesen, alles andere habe
erst gesucht, ergänzt und aufgefriicht weiden
müssen. Leider sollte jetzt wieder eine Auffrischung
vvrgenvmmen werden, da die Farbe an mehreren
Punkten vom Hvlze abspringen will.

Das Gemälde ist etwa 1,4 m lang und
0,5 m breit und weist sich schon durch diese
Größenverhältniste als einen ehemaligen Altar-
flügel aits. St. Michael ist auf demselben dar-
gestellt als Jüngling in grauweißer Rüstung
eines mittelalterlichen Ritters, lieber derselben
trügt er einen grünen Mantel, welcher durch
eine steingeschmückte Agraffe zusammengehalten
ivird. Die Flügel des Erzengels roth und grün
bemalt, das Haupt, von hellblonden Locken um-
flossen, nicht behelmt sondern unbedeckt, auf dem
rnndgeformten Antlitz hoheitsvolle Anmut und
Güte. — Die Waage, welche der Himmelsfürst
in seiner Liitken hält, zeigt in der einen Schale
eine arme Seele, welche die Hände faltet und
mit unsäglicher Angst §u der anderen Schale
hinüberschallt, in welcher wir einen Thurm
(Schuldthurm) und ztvei zerrende Teitsel er-
blicken. Doch es ist keilte Gefahr. Das Gewicht
der Seele ist größer als das Gewicht von Thurm
lind Teufellt. Auch ist St. Michael bereit, mit
seinem erhobenen Schlverte die arme Seele gegen
alle feiudlicheit Angriffe zll vertheidigeu. — Die
gailze Darstellung macht auf den Beschauer einen
wvhlthuendeu Eindruck und ist nach unserem
Dafürhalten einer theillveiseu Nachbildung wenh.

Ein anderes Michaelsbild befindet sich auf
dem ca. 1729 erstellten Hochaltäre der Kapelle,
es ist eine Holzskulptur und verdient, weil künst-
lerisch werthlos, keine weitere Besprechung. Da-
gegeir dürfte es gestattet fein, noch einige Be-
merkungen über den Kult des hl. Michael all-
zuschließen.

Der hl. Michael ist ein viel verehrter Erz-
engel, eilte große Altzahl von Kirchen uub Ka-
pellen fitio ihm allenthalben geweiht. Dieselben
habeit das Eigenthümliche, daß sie meist auf
Höhen oder auf Bergen erbaut sind, unt> diese
Thalsache dürfte sich theillveise daraus erklären,
daß die Glaitbeusboten liach devt Vorgänge des
hl. Bonifatius die Stätten heidnischen Kultes
einfach in christliche Kirchen unuvandelten und
au die Stelle des kriegerischen Wuvtau (oder
eines anderen heidnischen Gottes) gerne den
hl. Michael setzten. Sv erstaudeli auch in unserem
Lande allerlei Michaelsberge, vom Michaelsberg
bei Besigheim au bis herauf zum Hohenzol-
leru, lvelcher im 8. Jahrhundert beu Namen
Michaelsberg geführt haben soll. Vielleicht
dürfte eine sorgfältige Forschung auf diesem Ge-
biete livch weitere solche Michaelsberge zu Tage
fördern. (Rechberg? lvelcher jährlich am 29. Sept.
von meiner Heimath Dvnzdorf eine Prozession
empfängt.) — Ob sich auch in Londorf Lt.
Michael auf den Trümmern eines alten heid-
nischen Heiligthums niedergelassen? Zu einer
solchen Annahme fehlt jeder geschichtliche An-
haltsptinkt, aber beachtenswerth ist es inuuertjiu.

i daß Londorf an einer alten Heerstraße und hoch
gelegen ist, und daß auch das beitachbarte jetzt
protestantische Hochdorf ehedevt in dem hl. Michael
seinen Kirchenpatron verehrte. Einen wichtigen
uub sicheren Beweis für den Michaelskult zu

Londorf finden wir im 15. Jahrhundert. Im
Jahre 1460 irntrbe nämlich daselbst eine Michaels-
bruderschaft gegründet, deren Mitglieder sich zu
ganz besonderer Verehrung des Himmelsfürsten
verpflichteten, um im Lebeit uub int Tode dessen
Schutz und) Hilfe zit erfahren. Diese Michaels-
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