Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 15.1897

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bruderschaft muß ehedem sehr geblüht haben.
Noch jeüt befindet sich in der hiesigen Pfarr-
registratnr ein acht Pergamentblätier umfassendes
Bruderschastsbüchlein, ivelches in seinem Mit-
gliederverzeichnis manche michellverthe Namen
aus der Nähe und Ferne aufweist. So iverden
z. B. mehrere Geistliche genannt aus den jetzt
protestantischen Ortschaften Mötzingen, Ober-
jettingen, Bondorf, Nothfelden, Gbhausen, Wal-
dach, Haiterbach und Nagold. Der Adel ist ver-
treten durch Glieder der Familien von Detlingen,
Gültlingen, Neuhansen, Otv, Spät-Schülzburg,
Gemmingen und andere. Im Anfänge unseres
Jahrhunderts, wo so manche Bruderschaft dem
josephinischen Zeitgeiste zum Opfer fiel, ivnrde
auch die Michaelsbruderschaft zu Londorf auf-
gehoben. Die Erinnerung an dieselbe hat sich
mehr und mehr verwischt, nur dann und ivann
findet man noch in einem Hanse einen alten
Bruderschaftszettel oder Bruder s eh a f t s-
pfennig.

Sind in Lotidorf auch Neliquien vom hl. Michael
verehrt worden? Ich habe nie davon gehört;
das; es anderivärts theilweise geschehen, dürfte
bekannt sein. Es dürfte aber auch überall be-
kannt werden, tvas man unter den Neliquien des
hl. Michael zu verstehen hat, und desihalb sei
zum Schluß noch eine einschlägige Stelle ange-
führt aus dem trefflichen Werke Stephan Beißels
8. jl.: „Die Verehrung der Heiligen und ihrer
Neliquien in Deutschland bis zum Beginn des
18. Jahrhunderts". Dort sagt Beißel S. 135:
„Hie und da handelt es sich (bei den Neliquien
des hl. Michael) nur um Gegenstände, die zunr
hl. Michael... in nähere Beziehung gesetzt sind.
Unter den Erscheinungen des Erzengels ist die
um 493 oder 525 auf dem Mvtls Garganns in
Apulien erfolgte die berühmteste. Theile von den
Behängen des Altars jener in dem Berg ge-
fundenen und ausgehöhlten Felsenkirche, oder
von dem Felsen, worauf der Engel gesehen ivnrde,
oder von der Kirche ivurden nun vcrlheilt und
als Neliquien, d. h. als Andenken, aufbewahrt.
Da zu 3'oni bald nach jener Erscheinung im
großen Cirkus eine hochgelegene Kirche mit vielen
Krypten zu Ehren des Erzengels erbaut wurde,
können auch manche Beneficia archaugeli sogar
mir Fläschchen mit Oel aus der vor dem dortigen
Altar brennenden Lampe geivesen sein."

Vvllnia ringen. Reiter.

Die Reliquien und Reliquiurien der
Alosterkirche zu öchussenried.

Bon Kaplan B. Nueß.

Im Lauf der Jahrhunderte hat sich in dem
Schussenrieder Ordensgotteshaus ein ungewöhn-
lich großer, hochbedeutsamer Reliquienschatz an-
gesammelr. Er war ehemals tveil berühmt und
wurde nach dem Zeugnis; der Bollandisten von
ganz Schtvaben verehrt?)

Leider fließen die Nachrichten über die Her-
binft einiger besonders tverthvoller Reliquien der
Stiftskirche nur spärlich. Als die Verfasser des
klösterlichen Archivrepertoriums anno 1733 und

Z Acta sanctorum. 42. Band. Seite 724.

später alle litterarischen Schätze des Reichsstiftes
gelvissenhaft durchforschten, vermochten sie zn den
ans früheren Jahrhunderten überlieferten Reli-
qnien nur tvenige schriftliche Belege beizubringen.
Deßhalb klagte ein Klosterarchivar, „die^Unacht-
samkeit unserer Bvrfahren in diesem Stück sei
billig zu bedauern, da sie in derlei merkwürdigen
Sachen pro memoria soviel als nichts ausge-
zeichnet hinterlassen hätten."U

Daß über die schon frühzeitig in der Kloster-
kirche nntergebrachten deponierten Reliquien nur
dürftige Aufzeichnungen vorliegen, scheint übrigens
nicht sv fast in der Lässigkeit der Mönche, als viel-
mehr in der Unbill der Zeiten (Aufruhr vvn Unter-
thanen, feindliche Einfälle, Klvsteibrand, Plün-
derungen und Verwüstungen des Stiftes) seinen
Grund baben. Wenigstens nahm man es im
>7. und 18. Jahrhundert mit dem Verzeichnen
und Legitimieren neu erworbener Heiligthümer
genau. Die einzelnen Bestandtheile des Reliquien-
schatzes der ehemaligen Norbertinerordenskirchc
sind nun folgende:

1. Die kleine Monstranz mit einem

Dorn aus der Leide ns kröne Jesu.

In seinem Tagbuch schreibt der Prälat Jnno-
eenz Schmid (1710-19), in Schnssenried sei
schon seit unvordenklicher Zeit in einer Miniatur-
monstranz vvn sehr aller Arbeit ein hl. Dorn
aus der Krone Chnsti (sammt einem Zahn von
St. Magni Leib) verehrt lvvrdeu. Weil dieser
Abt in dem nur SU Stunden vvn Schnssenried
entfernten Neichenbach geboren und offenbar
schon als Knabe in die Stiftskirche gekommen
>var, ist ihm auch unbedingt zn glauben, wenn
er erzählt, er habe bereits anno 1660 mit diesem
alten Gefäß beziv. mit den in ihm eingeschlossenen
Heiligthiimern nach der Sechsuhrmesse das Weiter
benedicieren sehen. Er fügt bei, daß nach Aus-
sage hochbetagter Chorherren dieses Segnen mit
dem hl. Dorn bereits vor dem Schivedenkrieg
üblich gewesen sei. (Einen Krenzpartikel besaß
das Kloster damals noch nicht.) Im Interesse
der Kunst muß sehr bedauert iverden, daß diese
Reliquienmonstranz von ganz alten Formen
pietätslos beschädigt und ihre Trümmer gegen
Ende des 17. Säknlums zum bloßen Metallwert
veräußert ivorden sind?) Das genannte Reliquiar
ließ Abt Schmied durch ein neues ersetzen. Er
gab dem Prior P. Georg Ludwig, welcher den
12. Juli 1712 in dieser Angelegenheit nach
Augsburg reiste, die Weisung, ein neues, schönes
silbernes Monsträuzchen für den Dorn von der
Krone Christi beim Gvldarbeiter Leopold Jlsung
in Auftrag zu geben. Der Jmvelier hatte über
dem Monstranzkörper auch ein hohles Kreuz an-
zubringen, damit in demselben der Zahn des
hl. Magnus aufbeivahrt iverden könne?) So
ivar seil dem Anfang des 18. Jahrhunderts der

Dorn wieder in einem eigenen werthvollen
Gesäß geborgen. — lieber den Erwerb der
hl. Dornreliquie läßt sich nichts Sicheres feststetlen ;

') Archivregister. Band 1. Lade I. Fascikel 4.
Merkwürdigkeiten von 1700 — 1800.

') Schuss. Hauschronik. 3. Theil. S. 522.

3) -vagbuch des Abtes und Hauschronik loco
citato.
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