Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 15.1897

Seite: 34
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schon P. Vincenz Rodenbach mußte gestehen, es
sei ihm und auch seinen Mitbrüdern nicht be-
kannt, „li'ie der Dorn ans der Krone Christi
ail uns (gemeint sind die Mönche) gelangt fei".1)
Zn vermruhen bleibt, es lverde ihn einmal ein
znm Generalkapitel nach Premontre gereister
Klvstervorstand ans Frankreich niitgebracht haben.
— Leider ist das monstranzförmige Behältnis;,
in dem der hl. Dorn seit 1712 anfbewahrt mar,
nicht mehr in Schnssenried vorhanden. Auch die
Dornreliqnie selbst sucht man heutzutage ver-
gebens hier. Dagegen befindet sich in der Pfarr-
kirche zu Antendorf ein 4 cm langer Dorir ans
der Mauerkrone Jesu mit der Legende: „En
spinam Christi pretioso sanguine linitam etc."
Diese Reliquie ruht in einem viereckigen 8U2 cm
langen, mit geschliffenem Glas gedeckten Edel-
metallgefäß, ivelches vorn am Kreuznngspnnkt
der Arme eines schönen, mit dem gräflich Königs-
eggschen Wappen und der Jahrzahl 1561 ver-
sehenen Kreuzes befestigt ist. Daß dieses Metall-
krenz schoir lange existiert hat, bevor das vier-
eckige Behältnis; mit dem Dorn anderen kleinen
Heiligthiimern an demselben angebracht tvltrde,
ist nnschtver nachzniveijen. Weil nun neben
der hl. Dornreliqitie im gleicheil Gefäß alich
eine allerdings ivinzigc Gebeinpartikel voll
dem in der Schnssenrieder Kirche deponierten
Leib des hl. Märtyrers Vincenz liegt, nehmen
lvir an, es könnte die jetzt im Gotteshaus des be-
nachbarten Fleckens Anlendorf ruhende Reliquie
ans der Dornenkrone Jesll die gleiche sein, welche
noch im 18. Jahrhundert eilte Zierde des Schlis-
sen» ieder Heiligthllmsschatzes gebildet hat.

2. Der Kreuzpartikel.

Roch in der ziveiten Hälfte des 17. Jahr-
hunderls wurde, wie oben bemerkt, in der Slifls-
kiiche das Wetter mit der hl. Dornreliqne ge-
segnet. Im folgenden Jahrhundert gelangten
mehrere Krelizpartikel in deil Privalbesitz einzelner
Acönche, lvelche nach dem Tode ihrer Eigenthiiiner
an verschiedene Gotteshäuser des Herrschafts-
gebietes übergiengen. Für denjenigen Krenz-
parrikel, ivelcher zu Begiint des 18. Jahrhunderts
lii der Klosterkirche zilr Anfbeivahrnng gelailgte,
lag eiile in Ronl ansgestellte Anihentik vor;
auch wurde für ihn deir 3. Juni 1721 ein sil-
bernes Behältnis; ans Augsburg bezogen, ivelches
sainint Futteral 96 fl. 47 kr. kostete?) Um die
Mitte des 18. Jahrhunderts ivird dieses silberne
Krcnzpartikelgefäß als recht zierlich gepriesen?)
Allein gerade die Schönheit und der Werth des
krenzfölinigen Reliquars scheint die Gier der
Männer der Säkularisation gereizt zu haben.
Sv kam es, das; heutzutage die Krenzreliqnie
des Gotteshauses in einem modernen, wenig
kostbaren Behältniß ruht. Die Krelizbalken
des hl. Gefäßes sind zlvar silbern, aber sein
Fuß besteht nur ans nnedleiil Metall.

3) Archivregister. 1. Band. Lade). Fascikel4.
Nr. 75.

?) Tagbnch des Abtes Didakns Ströbele.

3) Archivregister. Tom. I., Lade L., Fas-
cikel 3.

3. D a s T a b e r li a k e l iil i t d e n L> t. M a g uns-
re l i q li i e il.

Die Schnssenrieder Prämonstratenser habeir
ihr um die Neige des 12. Jahrhunderts gegrün-
detes Kloster sammt der Ordenskirche unter den
Schutz des hl. Abtes Magnus gestellt, dessen
Kult sie mit Eifer pflegten. Daher braucht man
sich nicht darüber zu wundern, daß sie sich auch
nach Reliquien ihres Schutzheiligen sehnten. Ihr
frommes Verlangen wurde gestillt; denn sie er-
hielten ans dem Allgäuer Kloster Füßen, dem
letzten Wirkungskreis und zugleich der Tvdes-
stätte des Heiligen, zlvei Reliquien desselben,
nämlich einen Zahn von seinem hl. Leib und
ein kleines Stück von seinem hölzernen Reise-
stab. Der Zeitpunkt, um lvelchen die beiden
Magnnsreliqnien nach Schnssenried gelangten,
läßt sich nicht mehr genau feststellen. Soviel
aber ist sicher, daß der Zahn und ivvhl zugleich
mit ihm auch der Stab spätestens Mitte des
15. Jahrhunderts in den Besitz der Mönche
von Soreth gekommen sein muß; denn seit dieser
Zeit ist der Platz, lvo die leiblichen Ueberreste
des Heiligen beigesetzt tvnrden, nicht mehr be-
kannt; es konnten also dem Magnusgrab seit-
her keine Reliquien mehr entnommen werden.
■— Wie der genaue Termin der Schenkung, so
ist leider auch die Aechtheit der Reliquien schon
im 18. Jahrhundert nicht mehr durch authentische
Belege 51t erhärten gewesen. Es entstand jedoch
nie ein Ziveifel, da „die erstaunlichen Effekte
und offenbaren Benesicien der Reliquien, lvelche
die ganze Nachbarschaft mit Bewunderung und
mit größtem Nutzen täglich erfahre und mit
Augen sehe", den Ordensmännern als ebenso
unanfechtbare Beglanbignngsatteste galten, lvie
Urkunden auf Papier und Pergament, mit Siegeln
und Unterschriften versehen?) Es tvnrden näm-
lich die beiden Magnnsreliqnien, besonders der
Stab, ans Verlangen dtlrch Schnssenrieder Ordens-
priester zuul Segnen von Gürten, Feldern und
Weinbergen nicht bloß in benachbarte, sondern
sogar auch in lveitentlegene Oertlichkeiten ge-
tragen. Durch das Benediciereir mit den Reli-
quien lvltrde das Vertreiben und Vertilgen
schädlicher Thiere (Insekten, Würmer, Mäitse)
beziveckt. Die Segnungen lvaren in der Thal
oft von einem geradezu ivlinderbaren El folg
begleitet; kaum war der hl. Stab unter Gebeten
in das inficierte Erdreich gesteckt, als das Un-
geziefer eilig davonfloh oder zu Grund ging:
So lautet das Zeugnis; der Akta Sanktornm.

Anfbewahrt wurde, wie oben bemerkt, die Zahn-
reliqnie früher in einer kleinen Mvilstranz, von
ungefähr 1720 an aber in einem fünf Zoll langen,
silbernen Anhängekrenz. Die Stabreliqnie war
ehemals in die Röhre eines geivöhnlichen Abts-
stabes eingeschlvssen. So oft man nun ben
Magnus stab d. h. die Partikel von dem Wan-
derstab des Heiligen irgendwohin znm Segnen
erbat, ivnrde das die Reliquie bergende Silber-
rohr vom Prälatenstab losgefchranbt und dem
abznsendenden Mönch mitgegeben. Später wnr-
den eigene stabförmige Reliqniarien erivorben,

Z Archivregister. Tom. I., Lade J., Fas-
cikel 4. Nrv. 75.
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