Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 15.1897

Seite: 35
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in welchen das Stückchen des ächten wunder«
thätigen Neisestabes St. Magni verwahrt wnrde.
Diese stabförmigen Behältniße nannte man Mag-
nusstäbe, wie nmit auch der Stabrelique selbst
den Namen Magnusstab beilegte. lim Ver-
wechslungen vorznbeugen, werden wir An-
führungszeichen anwenden, so vft wir ans ein
Stabreliquiar Hinweisen. — Das frühestens be-
schaffte besondere Behältniß für die Mabreliquie
reicht in die Regierungszeit des Abtes Tiber
Mangold (1683—1710) zurück. Dieser „Mag-
nusstab" wnrde erstmals den 6. September
1699 (Kirchenpatrocininm) in Gebrauch genom-
men, die iit ihm vertvahrte Reliquie wurde dem
Volke zum Küssen gereicht?) Dieser „Stab" tvar,
loie fast alle künstlerischen und batilichen Er-
tverbungen dieses Klostervorstandes, einfach. Da-
gegen hat Abt Didakics Ströbele (1719—33)
eiueii prächtigen „Magnusstab" in UeberliugenH
verfertigen lassen, welcher auf das Magnnsfest
1720 nach Schussenried gebracht wurde. Er
kostete 250 fl. saniuct den Steinen, ivelche übri-
gens nicht ganz gut waren. Zur Bestreitung
der Kosten entnahm der Abt 150 fl. ben Opfer-
gaben, ivelche dem Heiligen gereicht worden waren
und zu 100 fl. berechnete der Goldat beiter die
„alten silbernen Scherben" (Bruchsilber), welche
ihm der Prälat einhändigen lies;?) Eine Ab-
bildung dieses kostbaren ehemaligen Schussen-
rieder „Magnnsstabes" findet sich in der be-
rühmten, von den Bollandisten verfaßten Heiligen-
geschichte?) Der 4'4" lange, vergoldete Silber-
slab war mit Edelsteinen besetzt. Innerhalb der
Stabkrümmnng glänzte das silberne Ganzbild
des hl. Magnus, im Brusttheil der Figur ruhte
die Reliquie unter Krystallglas.

(Fortsetzung folgt.)

Literatur.

Ein F a m i l i e n b i l d aus der Pris-
cillakatakom be mit der ältesten Hoch-
zeitsdarstellung der christlichen Kunst. Von
Otto Milius. Mit drei Abbildungen.
(Archäologische Studien zum christlichen
Alterthum unb Mittelalter herausgegeben
von Johannes Ficker. Erstes Heft.)
Freiburg, Mohr 1895, 28 S. Preis 1 M.
Gegenstand dieser Untersuchung ist eines der
herrlichsten Katakombengeniälde, ivelches auch
Wilpert in seinem schönen Werk „Die gottge-
weihten Jungfrauen in den ersten Jahrhunderten
der Kirche" (Freibnrg 1892) ausführlich be-
spricht und in vorzüglicher farbiger Kopie wieder-
gibt. Von Bosio an fanden fast sämmtliche ka-
tholische Archäologen ans dem berühmten Fresko
in der Katakombe der Priscilla an der Via
Salaria dargestellt die hl. Mutter mit dem Kinde,

J) Diarium des Prälaten Tib. Mangold.

2) Im Archivregister heißt es Augsburg; die
Tagbuchnoliz des Abtes scheint aber glaubwür-
diger zu sein als der Eintrag des erst später
schreibenden Archivars.

3) Tagbnch, Seite 45.

4) Acta Sanctorum. Band 42. Seite 726.
Pariser Ausgabe von Palme.

in der Mitte die Verstorbene als Orans und
links die Einkleidung derselben als gvttgeweihte
Jungfrau durch den Bischof. Die Deutung be-
gegnete ans protestantischer Seite keinen Sym-
pathien, und Viktor Schnitze suchte bereits aus
der Darstellung ein Familienbild zu machen;
er sah in der Orans die Faniilienmutter, in der
Frau mit dem Kinde die älteste Tochter, in der
Scene links den Vater, wie er seine beiden
jüngeren Kinder in der hl. Schrift unterrichtet.
Milius wandelt auf gleicher Bahn, kommt aber
zu anderem Resultat. Nach ihm ist die Orans
die Verstorbene; diese wird rechts in ihrem
mütterlichen Glücke dargestellt, während links
die Einsegnung ihrer Ehe durch den Bischof ge-
schildert sei. Diese Erklärung habe den großen
Vorzug, das; sie allen Einzelnheiten des Bildes
gerecht tverde und sich durch gleichzeitige lite-
rarische Zeugnisse beglaubigen lasse. Aber mit
jener Gerechtigkeit und mit dieser Beglaubigung
ist es nicht lveit her. Die „Einzelnheiten" der
Darstellung geben vielmehr dem Verfasser den
Einschlag zu einem Phantasiebild von dem
Modus der kirchlichen Eheschließung in den
ersten Zeiten, und eine Stelle aus Tertnllian
muß zuerst ganz willkürlich und falsch übersetzt
werden, nur als Beiveisstelle dienen zu können.
Der ganze Deutungsversuch ist daher als ver-
fehlt zu bezeichnen.

Die alt christliche Elfenbeinplastik.
Von Georg Stuhlfauth. Mit fünf

Tafeln und 8 Abbildungen iin Text.

(Archäologische Studien zunr christlichen

Alterthum und Mittelalter, herausgegeben
von Johannes Ficker. Zweites Heft.) Frei-
burg, Mohr 1896. IV und 211 S.
Preis 7 M.

Die kunsthistorische und ikonographische Be-
deutung der altchristlichen Elfenbeinplastik ist
deßwegen eine sehr große, weil sie allein noch
vom 4. Jahrhundert au sich in einer gewissen
Blüte erhielt, währeitd die andern Kunstgattungen
znrücktraten und beinahe ansstarben, sodann, iveil
mit ihrer Hilfe „aut besten und zuweilen fast
ausschließlich der Typenvorrat und die Typen-
gestaltung von dem Beginn der zweiten Hälfte
des christlichen Alterthums an bis zur Gothik
sich verfolgen unb bestimmen läßt" (S. 2). Wenn
dieselbe bisher das ihr znkommende gewichtige
Wort in der Kunstforschung nicht mitsprechen
konnte, so liegt dies daran, das; es noch nicht
gelingen wollte, ihre Erzeugnisse fest zu datiren,
zeitlich und lokal zu gruppieren. Versuche nach
dieser Richtung wurden wohl gemacht von Aus'm
Waarth, Strzyzowski, Ficker und Clemen, aber
sie kamen so ivenig zum Abschluß, daß auch
F. 3£. Kraus in seiner neuesten Kunstgeschichte
die Zeit noch nicht gekommen glaubt, wo man
sich an die Atlfstellung scharf nmrissener und
entschieden charakterisirter Gruppen oder Schulen
wagen könnte. Gleichwohl ivagt sich der Ver-
fasser noch einmal an die überaus schwierige
Aufgabe, und selbst wer nicht alle seine Resul-
tate annimmt, wird ihm doch sicher sein Wag-
nis; nicht verargen. Ob die von ihm unter-
schiedenen Hauptcentren und Schulen der Elfen-
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