Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 15.1897

Seite: 36
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beinplastik: im Abendland Rom, Mailand, Ra-
venna, Monza, karolingische Schule, im Osten
Byzanz unwidersprochen Aufnahme in die künftige
Kunstgeschichte finden lverden, wird sich zeigen:
Eines aber ist schon jetzt sicher und begründet
das hohe Verdienst des Verfassers: er hat durch
seine überaus sorgfältige imb fachkundige Unter-
suchung und kritische Sichtung des Materials
eilte Menge voll Irrungen in der Erklärung
itnd Datirnng weggeränmt unb die endgiltige
Losung der Schwierigkeit luemt nicht selbst ge-
bracht, so lnilldestens energisch angebahnl.

Zur Geschichte des Magdeburger
D o iu b a u e s. Von M. H o s a ck, Kgl.
Laudbauinspektor. Mit 12 Abbildungen
im Text und 4 Lichtdrucktafeln. Berlin,
Ernst 1896. Groß 4®. 20 S. (Son-
derdruck aus der Zeitschrift für Bauwesen,
Jahrgg. 1896.)

Den Chor des Domes von Magdeburg hatte
man bisher immer als den ersten gothischen
Bali in Dentschland angesehen, dessen Eigen-
thümlichkeiten auf französische Vorbilder, Schnaase
glaubte ans die Kathedrale voll Soisfons, znrück-
geführt lverden niüßten. Diese Anschauung
bürgerte sich um so leichter ein, da man wußte,
das; der Gründer des Doms, Erzbischof Kardinal
Albrecht, in Paris studirt imb auf mehreren
Reisen Frankreich kennen gelernt hatte. Von
dort, dachte inan sich, habe er die französischen
Banformen mitgebracht, lvenn liicht gar einen
ganzen Entwurf, iuib über den ganz französischen
Grundriß des Chorhanptes hätte der deutsche
Meister in einer Art Uebergattgsstil, ebenfalls
untermischt mit französischen Elementen, in die
Höhe gebaut. Diese traditionelle Annahme,
lvelche sich auch noch in Dvhmes Geschichte der
deutschen Baukunst findet, erschüttert Hosnck mit
überzeugenden Gründen. Von französischer
Grundrißbilduilg und vonc llebergangsstil könne
gar liicht die Rede sein. Der 1208 unternom-
niene Dvlnban sei im reinsten sächsisch-rvmai>ischen
Stil gedacht nild begonnen; auf die Grund-
rißbildung des Chorhauptes mit seinem Um-
gang hätten höchstens französische Erinnerungen
des Kardinals und durch sie hervorgernfene
Wünsche lind Weisungen an die sächsichen Ban-
meister Einfluß geübt. Im Ganzeil und Ein-
zelnen sei aber in Magdeburg alles aliders als
iu Frankreich und von Uebertragnng von fran-
zösischen Fornlen feine Spur wahrznnehmen.
Nachdem 1208—1210 gleichzeitig an allen Theilen
mit geringen Ansliahmen energisch der romanische
Ban gefördert lvorden war, trat 1210 plötzlich
lnit dem Wechsel des Baumeisters ein Wechsel
des Stiles ein: über den Kapitellen der Säulen lvird
nun gothisch iveitergebant und zwar von drei gothi-
schen Bannieistern, von ivelchen der erste sehrnn-
bebeitteub, der zweite aber hochbedeliteild >var.
Letzteren nennt die Ueberlieferling Bohnensack
und sein Meisterwerk ist der sog. Bischofsgang,
d. h. der obere Umgang um den Chor. Eben
dieser zeigt in seinen Formen die überraschend-
steil Aehnlichkeilen mit den Fornleil des süd-
lichen Kreuzgangflügels in Maulbronn. Diese

höchst interessanten, die Kunstgeschichte iu wesent-
lichen Punkten korrigierenden Resultate scheinen
durch Hvsacks gründliche Untersnchnngeli nild
Darlegiiiigen gesichert. Znnl Schlüsse lverden
alich lioch die Statuen der klugen und thörichten
Jungfrauen ail der Paradiesespforte ihrer wahren
Entstehnllgszeit zlirückgegeben: sie stanunen nicht,
tute Bode will, von; Ende des 13. Jahrhltnderts,
sondern sind zwischen 1212 und 1234 anznsetzen.

Zur Frage n n d) b e m Malerische n.
Sein Grundbegriff lind seine Entwicklung.
Von August Schwad sow (Beiträge
zur Aesthetik der bildenden Künste. Heft 1).
Leipzig, Hirzel 1896. 114 S. Preis 2 M.

Sehr tiefgehende unb tiefsinnige Untersuchungen
über den Begriff der Malerei als einer eigenen
voll Architektur lind Plastik uerfrf)iebenen Kunst-
art und über den Begriff des Malerischen, mit
ivelchem helltztltage so viel vperirt und gespielt
lvird und der lveit über das Gebiet der Malerei
hinaus Anlvendnng findet, so daß man auch von
malerischer Architektur und Plastik redet. Rament-
lich Wölffleins Definitionen lverden zunächst als
ungenügend erlviesen. S. 12 ff. tuerben Archi-
tektur, Plastik, Malerei gegen einander abgegrenzt:
die Architektur ist Ranmgestalterin, die Plastik
Körperbildnerin, die Malerei vereinigt lind ver-
schmilzt Körper und Raitnl auf der Fläche. Der
Architektur fällt zil die Tiefendimension, der
Plastik die Höhelldintension, der Malerei die
Breitendimensivn. Ihr Gegenstand, das Ziel
ihres Strebens, ihr Beitrag zur anschaulichen
Allseinandersetzung des Menschen mit der Welt
ist das Bild, die Projektion von Körpern sammt
bem umgebenden Raum auf die Fläche, zunächst
unter Verzicht auf die dritte Dimension der
Tiefe, dann erst durch Ertäuschnug auch dieser
mittelst der Verkürzung nild Linienperspektive,
der Modellirung und Luftperspektive. Die Plastik
schafft Körper iu vollster Bestimmtheit und ver-
zichtet auf den Ralllil daneben; die Architektur
gestaltet gerade die räumliche Hingebung und
greift zu den Körpern nur, mit sie diesem Zwecke
dielten ztt lassen; die Malerei greift nach beiden
Bestandtheilen zusammen, um ein Bild der Welt
ztt geben, indem sie zunächst der dritten Dimen-
sion entsagt, später auch sie ditrch Illusion bei-
zieht. Das Malerische besteht nun in nichts
anderem als in der Erfassung der Einheit zwischen
Körper und Raum, der Wechselwirkung der Ein-
zelwesen und ihrer Umgebttng. Zum Schlüsse
eine längere Auseinandersetzung mit Max Klinger
über die von diesem statnirte eigene graphische
oder Griffelkunst neben der Malerei und über
die Beziehungen zwischen Malerei und Dicht-
kunst. Das Schriftchen ist ein gediegener Bei-
trag zur Aesthetik unb auch reich an klärenden
Bemerkungen über Raphael, Coreggio, Michel-
angelo, Rubens, Rembrandt, über die Bedetttnng
der Kontur und des Profils n. a. Das Malerische
in der Baukttnst und Plastik soll erst später
erörtert lverden. — Das zweite Heft, ans das
man sehr gespannt sein darf, lvird über Barock
und Rvcvco eine kritische Auseinandersetzung
bringen.

Stuttgart, Buchdruckeret der Akt.-Ges. „Deutsches Volksblatt".
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