Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 15.1897

Seite: 37
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Archiv für christliche Kunst.

Mrgan des Rottenburger Diözefan-Vereins für christliche Kauft.

Heransgegebeil und redigirt von Stadtpfarrer Aeppler in Frendenstadt.

Verlag des Rottenburger Diözefan-Runstvereins,
für denselben: der Vorstand Pfarrer Detzel in St. Lbristina-Ravensburg.


Erfcheint monatlich einmal. Halbjährlich für M. 2.05 durch die wnrttembergifchen (M. 1.90
im Stuttgarter Bestellbezirk). M. 2.20 dnrch die bayerischen und die ReichSpostanstalten,
st. 1.27 in Oesterreich, Frcs. 9.40 in der Schweiz zu beziehen. Bestellungen werden
auch angenommen von allen Buchhandlungen sowie gegen Einsendung des Betrags direkt
von der Expedition des „Deutschen Bolksblatts" in Stuttgart, Urbansstratze 94, zum
Preise von M. 2.05 halbjährlich.

schwäbische Kruzistxbilder nebst
Kruzistrbetrachtuagen.

(Fortsetzung.)

Da Stil und Entstehnngszeit für die
Klassificirung unserer Skulpturwerke keinen
Eintheilungsgrnnd darboteu, haben wir
sie nach innern Unterschieden, nach der
Verschiedenheit der Auffassung, nach Höhe
und Tiefe des Leidens gruppirt. Dies ist
nun freilich nicht so leicht und sicher, da
es ins ästhetische Gebiet hinübergreift;
das subjektive Gefühl spricht hier mit und
bei manchem Christnsbilde ließe sich
streiten, ob wir es noch lebend oder schon
todt uns vorznstellen haben. Besitzt doch
nicht jeder eine so feine Unterscheidnngs-
gabe, wie sie Hansjakob in seinen „Dürren
Blättern" von dem früheren Pfarrmesner
in Frendenstadt rühmt, der sein Knnst-
nrtheil über das dortige Kruzifix dahin
znsammenfaßte: „Auf dieser Seite sehen Sie
den letzten Hauch des Sterbenden unb
ans der andern den Sterbenden im Tode."

K r n z i f i x d e s B l a n b e n r e r K r e n z-
gangs (in der Stuttgarter Alterthnms-
sammlnng)?) So könnte es leicht auf-
fallen, daß wir dem Krenzbild in der
Stuttgarter Alterthnmssammlnng den
äußersten Grad des Leidens zngeschrieben
haben. Ist nicht Frendenstadt heftiger im
Kampfe, zuckt da nicht jedes Glied in
krampfhaftem Schmerze? Ja, das ist es
eben; da ist noch Widerstand der leidenden
Natur, während dort das Leben, nur noch
einem schwachen Flämmchen gleich, dem
Erlöschen nahe ist. Die ruhige still-
ergebene Haltung drückt dem Krnzifixns
des Blanbenrer Krenzgangs den Stempel
auf; im Blutverluste dürstet er, daß die
Junge ihm am Gaumen klebt, im Blnt-

') S. das Vollbild, Jahrgang 1896 des
„ Archivs"'.

Verlust ermattet und verschmachtet er. Die
ganze Gestalt, als wollte sie in sich zn-
sammensinken, leblos dem Gewichte der
eigenen Schwere überlassen, welchem
selbst das Lendentnch folgt, das nicht, wie
sonst, weit hinansflattert, sondern in
schlaffen Falten herabfließt. Auch sonst
sind die Spuren des Leidens stark markirt.
Das Haupt ist niedergesnnken unter der
dichten Krone; Blnt träufelt (in der ur-
sprünglichen Bemalung) in das brechende
Auge, in die Mundhöhle und sickert ans
der auffallend tiefen, blau geränderten
Seitenwnnde; die Achseln find hohl und
ansgerenkt, die Hände znsammengekrampft:
das Ganze macht den Eindruck des ent-
setzlichsten Elendes, der Verlassenheit und
der Peinen, ein Eindruck, der dnrch die
magern Körperformen — Arme und Hals
entbehren noch der anatomischen Artiku-
lation und Detailansbildnng — noch er-
höht wird. Mit dem Uebermaße des
Schmerzes ist aber auch die friedliche Er-
gebung in gleicher Stärke über die ganze
Gestalt ansgetheilt und gleichsam abge-
wogen; es ist ein Zerschmelzen in Leid
und Liebe, aber die Liebe ist stärker als
das Leid! Er stirbt als das sanftmüthigste
Opfer und leidet alles nur Denkbare, aber
für andere, freiwillig, für seiner Brüder
Heil. Daher um die lechzenden Lippen
ein unbeschreiblicher Ausdruck von über-
menschlicher Liebe, göttlichem Mitleid und
sanftester Ergebenheit. „Der unsere Sün-
den selber an seinem Leibe ans dem Holze
trug, damit wir abgestorben der Sünde
der Gerechtigkeit lebten, dnrch dessen Wun-
den ihr geheilt worden seid." 1. Petr. 2, 24.

Wie hoch erhebt sich dnrch diesen seeli-
schen Ausdruck dies Werk über das Dan-
ziger Kruzifix, das — obwohl voll er-
greifender Todespoesie — doch mehr nur
die materielle Seite des Tragischen, das
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