Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 15.1897

Seite: 38
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Bild des Sterbens n»d des erschrecklichen
Unterganges festhält, dagegen die ideale
Seite des Plastischen opfert unb die
poetische Idee des Tragischen als solchen
und vollends das religiöse Ideal nicht
erreicht! — Unmittelbar entsetzlicher Ein-
druck des Todes ohne versöhnenden Zug.

— Durch diesen geistigen Gehalt übt es,
obschon es uns weder Wunden, noch das
rinnende Blnt erspart, eine unwidersteh-
liche Anziehungskraft aus. Wir wenden
unfern Blick und unsere Liebe dem Ge-
kreuzigten zu. Wir zählen da die Wunden,
wir zählen die Worte: die vier Wunden,
die Sinnbilder der vier Flüsse, die im
geistigen Eden einer Quelle entspringen
und sich über die ganze Erde verbreiten,
die sieben heiligen Worte, über die wir
stundenlang Nachdenken, die wir Buchstaben
für Buchstaben betrachten können. Unsere
Herzen fühlen jede Pein des Körpers,
jeden Schmerz der Seele des Gottmenschen
lebhaft mit; wir bringen jene schreck-
lichen drei Stunden des Todeskampfes
Minute für Minute, Pulsschlag für Pnls-
schlag, Seufzer für Seufzer bei ihm zu

— unermüdlich, so schwer der Schmerz
drücken mag. — So leistet dieser Kruzi-
fixus, wenn schon wahrscheinlich der früheste
unter unfern schwäbischen Meisterwerken,
schon alles, was wir von einem Krenzbild
erwarten dürfen: „Mitten in seinen Leiden
so sanft, so feierlich, so zart und milde
auf uns blickend, daß wir bei seinem An-
blick weinen, lieben, brennen" — nicht
effekt-hascherisch wie Naumburg,nicht grauen-
erregend wie Baindt, von sprechender
Naturwahrheit, und doch ohne alles Ab-
stoßende, ja ohne gegen eine Schönheits-
linie zu verstoßen!

F r e u d e n st a d t. Ein Werk von

Dieses Meisterwerk der Holzschnitzerei ist
vor wehr als einem Menschenalter einer, wenig-
stens was den Farbauftrag betrifft, nicht ganz
glücklichen Erneuerung unterzogen worden, welche
ihm ini benachbarten Horb angethan wurde,
llebrigens verlangte der Geiueinderat vor Ueber-
nahme des Kruzifixus ein Gutachten des Stadt-
wnndarztes ein und ließ vorsichtig das Kunst-
werk erst passieren, nachdem dieser sein gewich-
tiges Wort: Er ist es! gesprochen, in welches
alsdann alle einstinnuteu. Wir gedenken eine
Abbildung von diesem Christus zu bringen,
sobald es möglich sein wird, ihn im Freien
aufzilnehmen. An seinem gewöhnlichen Standort
in der Stadtkirche ist er nicht günstig beleuchtet.

edelster Formbehandlung und ergreifendster
Tiefe der Empfindung. Mit höchster na-
turalistischer Schärfe verbindet sich hier
eine künstlerische Feinheit und Vollendung,
die manchen bestimmen mag, dieses Bild
unter allen naturalistischen für das erste
zu erklären. Dabei aber welch' geistiger
Gehalt, welche ideale Schönheit! Adel
und Natnrwahrheit halten einander die
Wage. Daher ergreift auch dies namen-
lose Leiden mit geheimer Gewalt. Wahr-
lich, es braucht nicht erst gesagt zu werden,
daß hier ein edler, großer Mann, sich
selbst und seinem Charakter treu, ohne
Verzagtbeit ans der einen und ohne Rach-
sucht auf der andern Seite duldet für eine
Idee, der er [ein Leben geweiht. H Wie
der Himmel über der Erde, so ist diese
Kreuzesscene auf den ersten Blick über
jedes gewöhnliche Sterben erhaben.

Was die Grundstimmung anbelangt, so
leuchtet hier gegenüber dem still Lechzenden,
Erlöschenden des vorigen das Pathos herein,
jedoch nichts Effekthascherisches; an d>e
Stelle des innig Gemüthvollen tritt das
tragisch Heftige. Der unbekannte Meister
konzentrirt unsere Betrachtungen ans den
letzten feierlichen Augenblick, als des Hei-
lands lauter Schrei verkündete, daß sein
Geist schied und durch sein Scheiden den
letzten großen Akt der Erlösung vollendete.
Daher das gewaltsame Zerreißen aller
Bande, der zarten und der starken, jedes
Glied zuckend in krampfhaftem Schmerz.
Aber zugleich diese hoheitsvolle Stirn, die
überirdische Entschlossenheit zum Leiden
und die himmlische Ruhe im Meere der
Leidenschaften und Sorgen, welche hier
fluten — die Ruhe des stillen unbeivegten
Geistes in Kampf und Schmerz der wider-
strebenden Natur, die feste Hoheit des Wil-
lens, der nach innen wirkt, da er nach
außen nichts zu bewegen hat und die
Spuren des Leidens durch die Kraft des
Geistes mildert und verwischt. —- Wie
tief sind unsere schwäbischen Meister be-
trachtend eingedrungen von der äußeren
Wirklichkeit ans das innere Wesen dieses
Leidens, ans die gottmenschliche Persön-
lichkeit des Leidenden! — Daher das
Intensive, das innerlich Zusannnengehaltene
einer Empfindung, mit deren Natur die

l) Vgl. Stockbauer a. a. O. S. 307.
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