Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 15.1897

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Gefahr leerer Uebertreibuug und gewalt-
samer Ausschweifung so nahe verbunden
ist. Nichts Manierirtes, das die Wuth
für den Ausdruck der Kraft nimmt, die
Grimasse für den Ausdruck der Leiden-
schaft, das Theatralische für das Drama-
tische; keine häßliche Verrenkung, keine
Spur der heute so beliebten Unsitte, die
beabsichtigte Wirkung durch Uebertreibung
noch zu überbieten. Diese tadellose Leibes-
schöuheit bleibt von den feindlichen Ge-
walten unangetastet. Aus allen Formen
spricht Adel, Freiheit, reines Verständniß
der Gliedmaßen. Der tief schmerzliche,
ganz in Kummer getauchte Ausdruck des
Antlitzes (zu welchem sich die im übrigen
sprechenden, aber gewöhnlichen Gesichter
von Täserroth und Backnang nur wie
Vorstudien verhalten) wird dadurch voll-
endet, daß in ihm ein höheres muster-
gültigeres Schönheitsideal zur Geltung
kommt als in den meisten seiner Vorgänger,
wie auch das Leidensbild durch die voll-
endete Naturwahrheit in der Körperbilduug
intensiver wird. Wer so die formale Schön-
heit zur Grundlage der idealen zu machen
und durch die anatomische Form gar noch
Würde und religiöse Weihe zu fördern
versteht, der muß ein ganzer Künstler sein!
Es ist mehr als bloß menschliche Ho-
heit im Tode, was aus den Schmerzeus-
zügen dieses unübertroffenen Meisterwerkes
strahlt, es sind keineswegs bloß natürliche
Empfindungen des Mitleids, zu welchem
es anregt: beispiellose Seelengröße, volle
sittliche Freiheit und opfernde Liebe sind
es, die wie ein leichter Verklärnngsstrahl
in das Dunkel dieses Passionsbildes leuchten
und den Beschauer bewegen, am Fuße des
Kreuzes in Neueschmerz, Dank und Gegen-
liebe sich zu versenken.

W i b l i n g e u?) Den Krenzaltar über-
ragt das ans Holz geschnittene polychromirte
Kolossalbild deö Gekreuzigten ans dem An-
fang des 16. Jahrh., welches sich früher
im Ulmer Münster befunden haben soll?)
Auf die Ferne berechnet, zeigt es doch eine
solch vollendete Arbeit bis in die kleinsten
Kleinigkeiten, daß man unwillkürlich an

ft 'S. das Textbild im vorigen Jahrgang, das
wir der Güte des Herrn Bildhauers Federlin
in Ulm verdanket:.

2) Val. Pfleiderer, das Münster in Ulm
1856, S. 303.

die Meisterhand Syrlins erinnert wird.
— Dieser Christus steht ganz in der
Menschheit. Tiefe Wehmut strömt ans
seinem Antlitz unb seiner Haltung dem
Beschauer entgegen. Seii: schmerzlich

klagender Mund spricht das Wehe des
ganzen Menschengeschlechts aus unb sein
hochadeliger Leib, welcher schon die Glie-
derfülle der Renaissance zeigt, enthüllt, ob-
wohl diskret, den höchsten Schmerz. Aber
mit dem Schuierz kontrastirt die Willens-
stärke, und die Ruhe der Seele mit der
Erschütterung der leiblichen Natur. Unser
Meister wurde der Kuustvorschrift gerecht:
Bei einem schreckenvollen Vorwurfe hat
der Künstler die Handlung, den Augen-
blick, die Gesinnungen herauszugreifen
und hervorzukehren, welche besonders ge-
eignet sind, die tugendhaftesten und er-
leuchtetsten Menschen aller Zeiten zu
fesseln?) Daher ist auch alles so himm-
lisch schön und erhaben, jeder einzelne
Zug ist wie erklärt und vergeistigt unb
ähnlich dem Zeus des Phidias ist hier
die Menschheit als solche zur höchsten
Vollendung ihres Seins, nur unter den:
Gesichtspunkte des Leidens gelangt. Dieser
Mann der Schmerzen kann allerdings
ohne das Pendant eines Auferstehungs-
bildes auskommen; er leidet in so hehrer
Majestät, daß das Göttliche nicht zu kurz
kommt. Durch Schmerz und Hinfälligkeit
hindurch leuchtet die innere Kraft. Die
Gestalt hat aufgehört, bloße Form z>: sein:
sie ist Hülle, aber nicht den Geist dem Auge
entziehende, sondern ihn offenbarende, dem
Auge der Kunst durchdringliche Hülle.
Ja, es ist auch hier mehr als bloß
menschliche Hoheit im Leiden, was her-
vortritt uub nothwendig hervortreten
muß, wenn dem erhabenen Gegenstände
Genüge geschehen soll. Um alle Gerechtig-
keit zu leiden, sagt Bossuet (3. Pred. auf
das Fest der Beschneidung), muß man Gott
sein; denn die göttliche Strafe lastet so
schwer ans dem Sünder, daß, wenn nur
eine unbegrenzte Macht sie auflegen kann,
auch nur eine unbegrenzte Kraft sie aus-
zuhalten vermag. Nimmt Jesus eben
Knechtsgestalt au und die Aehnlichkeit der
Sünde, erscheint er lediglich als Sünder
(weil Stellvertreter für alle Sünder), daun

ft Erneric-David.
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