Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 15.1897

Seite: 42
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4. Das tabernakelfo rinige N e l i q u i a r
m i t einem U e b e r v e ft von den Gebeinen
des hl. Johannes v. N e p o in n k.

Dein hl. Johannes von Nepomuk wurde in
der Gemeinde schon frühzeitig eine hervorragende
Berehrung gezollt: Ehedem stand an der Schüssen
bei der Obermühle eine St. Nepvmnkkapelle mit
einem steinernen Standbild des Heiligen. So-
dann ist nach der Ueberliefernng die Betkapelle
im Filial Olzrente zu Ehren des hl. Johann
von Nepünink erbaut worden. Auch in der St.
Annenkapelle der Parzelle Kürnbach blüht noch
heutzutage der Kult des genanuteu Heiligen.
Die Pietät gegen Johannes von Nepomuk wuchs
noch bedeutend, als im Laufe des 18. Jahr-
hunderts zwei llcberreste von seinem hl. Leib
nach Schussenried gelaugten.

Seine Gebeine waren den 15. April 1719
in Prag toieder aufgefunden ivorden. Bald
nach ihrer Erhebung verehrte Kaiser Karl VI.
(1711—40) dem Neichsstift Schussenried eine
Partikel davon. Diese Reliquie, vom Sr. Gal-
lischen Klosterbibliothekar P. Nepomuk Haun-
liuger anno 1784 bei seinem Besuch in Soreth
als „herrlich und reich gefaßt" erfunden, ist
jetzt noch vorhanden?) Sie ruht im Reliquieu-
tabernakel des anno 1722 gebauten St. Michaels-
altares, bei dessen Gestaltung und Ausschmückung
auf das in ihm zu reponiereude kostbare
kaiserliche Geschenk Bezug genommen wurde.
In dem Tabernakel steht ein 70 cm hohes, mit
getriebenem, versilbertem Kupferblech verkleidetes
und mit der Gauzfigur des hl. Johann Nepo-
muk geziertes Holzkästcheu. In dessen oberem
Theil ist das nach dem Urtheil alter Mönche
massiv goldene, 15 cm hohe Neliquiar zu sehen,
welches die unter Kristallglas geborgene, mit fünf
großen und zahlreichen kleinen Edelsteinen, mit
Goldbörtcheu und Perlenschuüren gefaßte heilige
Reliquie enthält. An dem mit der Siegelschnur
umwundenen Gefäß befindet sich das völlig
uuverletzteSiegel des Prager Metrvpolitankapitels.
Die Reliquie trägt die Etikette: 3. Joann Nepo-
muc. M. Außen an der Melallbekleidung des
Reliquienkästcheus liest mau die Buchstaben X.
K. und N. K.

Außer der erwähnten Nepomukreliquie ge-
laugte um das Jahr 1770 noch eine zweite in
den Besitz der Klosterkirche; sie hatte eine an-
sehnliche Größe, nmrde in einer silbernen Ne-
l i q u i e n k ap s el aufbewahrt und den Gläubigen
bisweilen zur Verehrung gereicht. Leider hat
die württembergische Krone dieses kapselförmige
Neliquiar sich anno 1809 angeeignet; wohin
aber die in ihm geborgene zweite Schussenrieder
Nepomukreliquie gekommen ist, vermögen wir
nicht zu sagen.

Der vieljährige Besitz von zwei Reliquien
des großen Prager Heiligen förderte die An-
dacht zu demselben so sehr, daß in Schussenried
sogar ein „Bund von Nepomuk" entstand.
Um den Eifer bei den männlichen und weib-
lichen Bruderschaftsmitgliederu zu wecken, wurde
von einem Schussenrieder Pater ein 70 Seiten

Süddeutsche Klöster vor 100 Jahren.
Köln 1889. Seite 17.

(in Oktav) großes Nepomukbüchlein verfaßt.
Es führt den Titel: Kurze Erzählung des Lebens,
der Marter, des Todes, der Heiligsprechung
und Wunderwerke des glorwürdigen Blutzeugen
Johannes von Nepomuk, samt einigen Andachten
zu diesem Heiligen, beschrieben von einem seiner
unwürdigen Pflegsöhne im Jahre Christi 1771.
Gedruckt zu Biberach bey Caspar Wieder.

5. Der Lei b d es hl. Vinzenz, Martyr er.

Der Leib des hl. Märtyrers Vinzenz stammt
aus der römischen Katakombe des hl. Kallistus.
Die Reliquie gelaugte in den Besitz des Kardi-
nals Johann Baptist Altieri. Dieser schenkte
sie dem P. Johannes de Annuntiatione, welcher
Geueralproknrator des Ordens der Triuitarier
zum Loskauf der Gefangenen und Beichtvater
des Kardinals Franz Barberini war. P. Jo-
hannes war mit dem während des 30jährigen
Krieges als Prediger bei der Schlveizergarde
in Rom wirkenden Schussenrieder P. Augustin
Arzet, dem nachmaligen Prälaten, in ein in-
times Freundschaftsverhältnis getreten. Als
Unterpfand treuer Liebe verehrte er nun dem
P. Augustin die Gebeine des hl. Blutzeugen
Vinzenz, welcher ein Soldat gewesen sein soll.
Die feierliche Ueberführung der Reliquie in die
Schussenrieder Ordenskirche fand den 31. August
1651 statt, und zwar von der Friedhofkapelle
St. Martin aus; die Translatiousprozession
wurde von dem Prälaten Christophorus des
Mutterklosters Weissenan geleitet. Wegen der
durch den Schwedenkrieg verursachten Verarm-
ung des Reichsstistes war die damalige Fassung
des hl. Leibes zwar „ehrlich", aber sehr einfach,
ja dürftig. Ihre Kosten waren denn auch un-
gewöhnlich gering, sie beliefen sich kaum auf
etwas über hundert Gulden; eine Summe, für
ivelche nichts Befriedigendes geleistet werden
konnte?)

Als aber nachher P. Jnnocenz Schmid auf
die Fürbitte des hl. Vinzenz hin von einem
schweren Körperleideu geheilt worden war, faßte
er nach seiner Wahl zum Prälaten den Ent-
schluß, aus Dankbarkeit eine kostbare und kunst-
reiche Neufassung des hl. Leibes auzuordiien.
Weil jedoch im Anfang seiner Regierung sehr
dringende Beschaffungen von Silbergerätheu und
Paramenten ihn in Anspruch nahmen, kam er
erst im 6. Jahr seiner Klostervorstandschaft zur
Ausführung seines Planes. Den 2. Juni 17t6
übergab nämlich Abt Jnnoeenz den Dvmiui-
kauernounen in Ennetach die Reliquie zur bes-
seren Fassung und Ausschmückung. Beim kost-
baren und kunstgerechten Kleiden des hl. Leibes
wurde die Hauptarbeit von der Ordeusfrau
M. Benedikta Bohuenberger, einer geradezu ^be-
rühmten Kunststickeriu, besorgt. Zum Ver-
zieren der hl. Gebeine gab Abt Jnnocenz drei
Pektorale und vier Ringe her. Das erste
Brusikreuz mit 6 (blauen) Saphirsteinen wurde
zu 800 fl., das zweite mit (grünen) Chrysolithen
zu 40 fl. und das dritte mit (dunkelblauen) Ame-
thysten ebenfalls zu 40 fl. geschätzt. Von den

i) Dr. Lang's Binzenzbüchlein von 1851.
Seite 10.

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