Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 15.1897

Seite: 47
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ihn kannten imb der spezielle geistige Mit-
telpunkt seiner Konviktsgesellschaft, welcher
er ebenso nobel wie geistvoll präsidirte.
Der gnte Hnmor und das Verständnis des-
selben hat ihn durch sein ganzes Leben
begleitet, aber der Kern davon war der
feinfühligste Sinn für alles Rechte, uub
wider alles die Grenzen Ueberschreitende,
Nichtanständige. Ans einer Reihe seiner
späteren kunstwissenschaftlichen Arbeiten
leuchtet formell und materiell auch diese
köstliche Seite heraus.

Während des Seminarjahres in Rotten-
bnrg (1870/71) kam ein weiteres, tticht
karg bemessenes Talent, das sich in Tü-
bingen schon ahnen ließ, zur gründlichen
Answerthung: die Begabung für das homi-
letische Amt. Die merkwürdige rhetori-
sche Anlage, welche den beiden anderen
Brüdern von Gott mitgegeben ward, ist
auch ihm, dem Ersten verliehen gewesen;
wir möchten fast meinen, sie sei gerade ihm
am tiefsten im Herzen, in der ganzen
Art seines Denkens imb Empfindens ge-
sessen. Mit glühender Begeisterung hat er
die großen Franzosen in ihrer Sprache
gelesen und noch mehr durch und durch
studiert. Wenn er einen Fenelon und Bos-
snet citierte und von ihnen sprach, da
mochte es einen berühren, als ob der
Hauch einer gewissen Congenialität mit ihnen
einen anwehe. Sellen wird ein Schwabe
so in dem Geist und die Art jener großen
französischen Predigtmeister eingedrungen
sein, selten wird Einer sie so gründlich ge-
lesen und stndirt haben, wie Engen K. Unter
dem Einfluß dieser Klassiker ist E. K.
sein Leben lang geblieben; das beweisen
seine Aufsätze, Reden, Predigten klar und
unzweideutig. Wir möchten seine theo-
retisch-wissenschaftliche Befähigung für Ho-
miletik eigentlich als das bedeutendste, als
die Krone seiner sprachlichen und ästhetischen
Studien bezeichnen und sind überzeugt, daß
er, wenn er ausschließlich sich diesem Fache
hätte widmen können, ein großer -homileti-
scher Lehrer, eine Anktorität in dieser
Wissenschaft geworden wäre. Wie er
früher sprachliche Excerpte machte, so legte
er sich von jetzt ab eine homiletische Sam-
melmappe an, deren Reichthümer er un-
ermüdlich vermehrte. Wahrhaft bewnn-
dernswerth ist sein Gefühl für rednerische
Verwerthung und Darstellung, das zeigt
sich ans jedem Blatte derselben.

September 1871 trat Eugen Keppler in

den praktischen Kirchendienst ein, und
25 V2 Jahre hat er in demselben gewirkt,
bis der Tod ihn so unerwartet rasch ab-
ries. Er wurde zunächst Vikar in Weil-
derstadt und blieb auf diesem Posten von
1871 bis 1876, also volle fünf Jahre.
Als solcher hatte er Wildbad excur-
rendo zu pastorieren, das damals noch keine
Kirche hatte und nach Weilderstadt einge-
pfarrt war. Im Sommer während der Saison
wohnte er ständig drüben. Es war ein verant-
wortungsvoller, schwieriger Anfangs- und
Vertrauensposten. Der Verstorbene, der
hier seine eminenten Sprachkenntnisse so
recht im Dienste der Kirche verwerthen
konnte, war da ganz an seinem Platze.
Die sprachliche Weiterbildung und homile-
tische Studien füllten hier neben den eigent-
lichen Berufsarbeiten seine Zeit aus.-

Eine halbjährige Reise nach Frankreich
und England, welche er in Begleitung seines
jüngeren Bruders machte, galt weiteren
Sprach- und Knnststndien, aber der Sinn
für die Schönheiten der Natur führte die
Brüder in angemessener Abwechslung auch
zwischen hinein in die schottischen Berge
und Seen, in jene Gegenden, welche mit
Recht das Entzücken und der Stolz der
englischen Naturliebhaber sind. Leider hat
der Verstorbene die Ausbeute dieser Reise
— mit Ausnahme einiger Artikel im „Volks-
blatt" — nicht literarisch verwerthet. Nach
dem, was er sonst für letzteres Blatt schrieb
(die geist- und humorvollen Wildbader
Briefe u. a.) zu schließen, wäre diese Reise-
beschreibnng zweifellos eine Musterleistung
originellen Fenilletonstils geworden.

Nach der Rückkehr erfolgte E. K.s Er-
nennung znm Stadtpfarrer von Wildbad,
als welcher er vom Juli 1878 bis Früh-
jahr 1883, also wieder rund fünf Jahre
seines Amtes waltete. Es ist hier nicht
der Ort, speziell ans seine Pastorale Thätig-
keit einzugehen; es genügt zu konstatieren,
daß Stadtpfarrer E.K. von seiner katholischen
Gemeinde geliebt und verehrt, von den Kur-
gästen überaus geschätzt und in der ganzen
Stadt angesehen und hochgeachtet war.
Dagegen soll seine Mühewaltung um die
Erbauung der katholischen Kirche in Wild-
bad hier besondere Erwähnung finden.
Noch als Vikar von Weilderstadt-Wilvbad
wurde er in diese Angelegenheit hinein-
gezogen und hatte dabei Anlaß, seinen
künstlerischen Sinn zur Geltung zu bringen,
weitere praktische Erfahrungen zu sammeln
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