Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 15.1897

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dies das zweibändige Werk: „Leben unseres
Herrn Jesus Christus von Le Camus,"
klassisch wiedergegeben aus dem Fran-
zösischen (Freiburg: Herder, vom Jahre
1892 und 1893). Hier zeigt er sich als
Meister ebenso des Geistes der deutschen
wie der französischen Sprache. Es ist
nicht eine einfache Uebersetznng, sondern
die thatsächliche Verdeutschung des
ganzen Werkes, wie sie vollkommener
unseres Erachtens kaum zu denken ist. Die
Summe von Gedankenarbeit, Studium, Be-
trachtung, welche ans die Vollendung dieses
Werkes verwendet wurde, kennt außer dem
Verstorbenen wohl Gott allein, um so mehr,
als die Arbeit oft genug aus Kampf mit
Schmerz und Leiden hervorgegangen ist.
Mit diesem Werk aber war es Engen
Keppler beschieden, die Erfolge seiner
Sprachstudien zur Ehre Gottes und zur
Vertheidignng der göttlichen Ehre seines
eingeborenen Sohnes zu krönen und ab-
zuschließen, wie seine Studien und Be-
strebungen ans dem Gebiete der Kunst
einen ähnlichen, hochidealen und tiessrom-
men Abschluß finden durften.

lieber die letzteren literarischen Arbeiten,
speziell für dieses „Archiv", soll in nächster
Nummer uoch einiges in Kürze ange-
schlossen werden. Konrad Kümmel.

Die Reliquien und Reliquiarien der
Alosterkirche zu öchussenried.

Von Kaplan B. Rueß.

(Schluß.)

Den 28. Januar 1719 erhielt man die Licenz,
das Fest des hl. Valentin als Duplex zu feiern. Das
Dokument tvar von dem Kardinal Paulutius und
vom Sekretär der Rituskongregation Nikolaus
Maria Tedeschi unterzeichnet. Zum ersten Mal
fand in Schufsenried die solenne Feier des St.
Valentinsfestes den 4. Februar 1720 statt. Es
lvurden hiebei die noch ungefaßten Gebeine des
Heiligen öffentlich zur Verehrung ausgestellt.
Abt Didakus hielt an diesem Tag die erste und
zweite Vesper, ebenso die Landes und nach der
Processivu chas Hochamt. Nach ein paar Jahren
wurde die Schussenrieder St. Valentinsfeier vom
4. auf den 14. Februar verlegt.

Wie dem Abt Junocenz die Erwerbung, so
ist dem Prälaten Didakus Ströbele (1719- 33)
die kostbare Fassung des St. Valentiuleibes zu
verdanken. Schon den 26. Februar 1725 hat er
vom Dekali zu Stadion einen Ring mit einem
(blauen) Saphir erworben, ivelcher auf 40 fl.
gewertet wurde uitb zur Verzierung des zu fas-
senden heiligen Leibes verwendet werden sollte.
Den 24. Juni kamen drei Nonnen aus dem
Kloster Ennetach, nämlich die Frau Subpriorin,
die Ordensfrauen Benedikta (Bohnenberger) und

Viuzentia; sie nahmen am 26. ds. Mts. die
Gebeine des heiligen Valentin mit sich, nur die-
selben in Ennetach zu fassen. Außer der Reli-
quie selbst wurden ihnen sieben Ringe im Wert
von gegen 120 fl. und vier auf 400 fl. taxierte
Brustkreuze mitgegeben; dasjenige, welches mit
Rubinen und vielen Diamanten geschmückt war,
hatte der verstorbene Abt Jnnvcenz ans mehr
als 300 fl. geschätzt, die anderen Pektoralien
dagegen waren von geringerem Wert, weil
ihre Steine uuächt waren. Voll seinem eigenen
Brustkreuz gab Abt Didakus elf gute Hyaciuthen
ab, ferner 300 fl. auf Conto, ebenso Silber-
borten im Wert von beinahe 100 fl. Die in
Aussicht z>l nehmenden Gesammtkosten berechnete
der Prälat auf wenigstens 2000 fl. (die erwähn-
ten Ringe und Brustkreuze eingerechnet.) Aber
diese Höhe der lvahrscheinlicheil Auslage beun-
ruhigte ihn keineswegs, denn er ließ sich von
dem Grundsatz leiten: „Alles zur größeren Ehre
Gottes, der seligsten Jungfrau und des heiligeli
Valentin!" Zudem lebte er der sicheren Hoff-
nung, daß der Heilige ihm und seinen Mönchen
in der Todesstunde beistehen werde. Den
27. September 1725 bezahlte er seinem Schlvager
Brödelin in Biberach eine Rechnung im Betrag
von 461 fl. 16 kr. Dieser Kaufmann halte
Goldborten, Goldfäden, rothen und grünen Sam-
met und ähnliches geliefert. Auch deu 2. Dezem-
ber ds. Js. schickte der Abt ivieder einige
Schmuckgegenstände nach Ennetach, von lvv beit
14. Januar 1726 die Nachricht anlangte, daß
die Fassung bis Mitte Mai vollendet sein lverde.
Es reisten daher der Prior und der P. Grvß-
keller am 6. März nach Ennetach zur Besichtig-
ung der bereits lveit fortgeschrittenen Faßarbeit
und zur Anordnung etwa notwendiger Verbesser-
ungen. Den 14. Mai 1726 (Mittwoch) brach
nun endlich der freudenreiche Tag an, wo eine
Abordnung von Schnssenried nach Ennetach ab-
gieng, ni» den schön und kostbar gefaßten heiligen
Leib abznholen. Die Deputation bestand aus
4 Chorherren, auch der P. Subprior war da-
runter , sodann aus sechs berittenen Schussen-
rieder Bürgern und Klvsterunterthanen, endlich
aus acht Mann zu Fuß, welche die kostbare
Bürde tragen sollten. Die Witterung war vor-
trefflich. Am folgenden Tag wurde die Reliquie
nach Reichenbach verbracht, lvo sie unter starker
Bewachung in der Kirche bis zum Sonntag
ruhte. Auf dem Weg wurde dem heiligen Leib
namentlich in Mengen sehr große Verehrung
erwiesen; sämmtliche Glocken wurden geläutet,
Prozessionen giengen ihm entgegen, Geschütze
wurden gelöst, Musik begleitete den schönen
Zug und der damalige Stadtpfarrer, Baur
mit Namen, hielt eine Ansprache. Dagegen war
in Saulgau die Theilnahme nur gering, bloß
die Franziskanermönche begrüßten den Heiligen
mit ihrem Klvstergeläute und kamen ihm prozes-
sionsweise mit Kreuz und Fahnen entgegen;
der heilige Leib wurde denn auch in der Franzis-
kanerkirche eine Stunde lang zur Verehrung
aufgestellt. In den drei Tagen, während welchen
der heilige Leib im Reichenbacher Gotteshaus
ruhte, strömte viel Volk aus der Umgegend her-
bei. Am Donnerstag, Freitag itnd L-ainstag
wurden daselbst je zivei heilige Blessen gelesen.
Am 4. Sonntag nach Ostern (19. Mai) fand
endlich zur Abholung der Reliquie schon Morgens
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