Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 15.1897

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7 Uhr eine hochfeierliche Prozession statt, an
welcher sich eine enorme Zahl von Menschen
betheiligte. Außer der Schussenrieder Gemeinde
war auch diejenige von Winterstettendvrf, Otters-
wang und Steinhaufen mit Kreuz und Fahnen
erschienen. Der Graf von Antendorf, welcher
damals in Weingarten weilte, schickte seine Be-
amten zu Pferd. Bon dem Aulendorfer Bürgei-
militär war eine 80 Mann starke berittene Com-
pagnie in weißgrauen Nöcken und mit bornierten
Hüten unter dem Kommando von Lieutenant
Raßler zugegen. Eine ebenso starke Kavallerie-
abtheilung hatte Buchau unter dem Befehl von
Lieutenant Eisenschmied gesandt. Auch aus Winter-
stcttenstadl war eine über 100 Mann starke Fuß-
truppenabtlieilung eingetroffen, welche gerade auf
diese Prozession eine sehr schöne seidene Fahne
angeschafft hatte. In grünen Monturen hatten
sich über 50 Mann Schussenrieder Soldaten zu
Fuß unter dem Fähnrich Hammerschlägel ange-
schlossen. Bei der Prozession wurden sechs Hei-
ligenstatuen mitgetragen; eine schöne neue blau-
damastene Fahne im Werth von 95 fl., eine
Stiftung von drei Handwerkern, wurde bei diesem
Anlaß erstmals benützt; im Zug ritt auch ein
Jüngling, den heiligen Märtyrer Vincenz vor-
stellend und dem hl. Valentin Ehren bezeugend,
nebst 20 Begleitern, sämmtliche auf weißen Rossen.
Alle erwähnten Prozessionstheilnehmer begaben
sich zum Schvrrenwald hinauf. Hier erwarteten
sie den heiligen Leib, welcher von vielen Reitern,
zahlreichem Fußvolk und ungemein großen aus-
wärtigen Volksmassen von Reichenbach her be-
gleitet wurde. Bei der Waldhöhe vereinigten
sich die Theilnehmer, welche von Neichenbach,
und diejenigen, welche von Schussenried her zu-
sammen geströmt waren und dann setzte sich die
imposante Prozession nach der Reichsstifiskirche
hin in Bewegung. Vier Trompeter, zwei Paar
Reiter, zwei Waldhorubläser und vier Tambours
eröffneten die lange Reihe der Wallfahrer. Etwa
20 Kirchenfahneu ivehten und zahlreiche Bildnisse
und Statuen verschönerten den Zug. Die Salven
von 150 Schützen, die Schüsse aus zwölf Böllern
und der Donner aus sechs aus dent Kirchthurm
postierten gezogenen Geschützrohren begrüßten den
heiligen Leib, welcher von vier Ordenspriestern
ins Gotteshaus getragen wurde. Abt Didakus,
welcher diese herrliche Prozession leitete, bezeugt
in seinem Tagbuch, daß vielen Theiluehmern bei
ihrem Anblick Thräuen der Freude und Rührung
über die Wangen geflossen seien. Nachher hielt
Kamerer Benz aus Mittelbiberach eine „zierliche
und nützliche" Predigt und der Abt das Hoch-
amt. Außer dem Hauptmann und Baron v. Roth
aus Schlesien, welcher in der Schussengegend
Werbungen abhielt, betheiligte sich zwar keine
Standesperson an der Feier, dennoch aber waren
so viele fremde Gäste erschienen, daß allein im
Refektoriunt gegen 90 Personen gespeist wurden.
Die denkwürdige Feier verlief ohne jede Unord-
nung und ohne jeglichen Unfall. Die Fassung
des heiligen Leibes und die Translationsunkvsten
beliefen sich auf mehr als 3000 fl. Dieser Anf-
wand im Dienste Gottes und seiner Heiligen reute
aber den Prälaten keineswegs, vielmehr setzte er
an den Schluß des Berichtes über die Feierlich-
keiten zu Ehren des hl. Valentin hvchbefriedigt
den Wunsch: „Gott sei gelobt in seinen Heiligen !"
— Am 20. Mai wurde auf dem St. Valentins-

altar ein Hochamt gesungen. Die Früchte des-
selben wurden aufgeopfert für die ganze Um-
gegend, welche durch die Gegenwart eines weiteren
Martyrerleibes in der Reichsstiftskirche sich anfs
neue getröstet und gehoben fühlte. Auch zu dieser
Nachfeier hatte sich ivieder eine große Volksmenge
eingefnnden. Am 14. Februar des folgenden
Jahres wurde das Fest des heiligen Jünglings
Valentin feierlich ritu duplici begangen: während
beider Vespern wurde die obere Orgel gespielt,
Weihrauch gebraucht, der übrige Theil des Offi-
ciums choraliter gesungen; den ganzen Vormit-
tag des Festtages beteten sehr viele Leute in der
Kirche, eine große Zahl derselben empfing die
heiligen Sakramente, die Schulkinder giengen
während des Amtes um den Mittelaltar herum
zu Opfer, Abends beteten sie mit dem Schul-
lehrer vor dein St. Valentinsaltar einen Rosen-
kranz, alles ging ganz erbaulich vor sich; nachher
ließ der Prälat den 56 Schülern durch die beiden
Kinderlehrer je einen Rosenkranz und eine Me-
daille verabreichen. Lehrer war Jörg Schmid-
berger von Roppertsweiler. ')

Sv ruht deun auf dem nach ihm benannten
Altar seit beinahe 200 Jahren der Leib des
heiligen Valentin, noch kunstreicher und schöner
gefaßt als derjenige von St. Vinzenz. Er ist auf
grünen Sammet gebettet und gekleidet in blauen,
mit Gold- und Silberfäden durchwirkten Seiden-
und in reichbestickteu rvthen Sammetstoff. Das
Haupt ist mit kronenartigem Schmuck bedeckt,
an ivelchem ein mit Steinen geziertes Silber-
kreuz glänzt; reine Goldfäden bilden die Haarzier,
das todtenmaskenähuliche Antlitz ist von weißem
Flor umhüllt; fast zahllose Steine leuchten in
allen Farben an dem heiligen Leib und blinken
beim Schein der Kerzen >vie Sternleiu an den
ehrwürdigen Gebeinen. Gleich Siegestrophäen
umlagern den heiligen Leib zierliche Nachbildungen
der Marterwerkzeuge, nämlich eine mit Silberborteu
umwundene brennende Fackel, ein silberner mit
Goldborten umhüllter Haken und ein an schwerer
Silberkette hängender Dolch mit vergoldetem
Griff. Der Schrein, in dem ein Todlenlämpehen
hängt, ist mit grünen Stoffen behängt und be-
lebt durch künstliche Kränze, Blumen (Rosen,
Nelken, Tulpen) und Blätter, durch Früchte aller
Art, Kirschen, Pflaumen, Aepfel, Birnen, Trauben
und Zitronen. Auch die edlenSpender der prächtigen
Fassung der Reliquie sind verewigt; denn an der
Rückwand prangt in Gold- und Silbersticke-
reieu und von einem Perlenkranz umrahmt das
quadrierte Wappen des Prälaten Didakus und
auf der Brust des Heiligen liegt das Schussen-
rieder Klvsterivappen in Email (St. Magnus,
den Apfel in der Rechten, den Stab in der
Linken, hinter ihm der Drache und zu seinen
Füßen der Löwe) mit der lieber]d)vift convenntus
Sorethanus.

Außer den bis jetzt erwähnten Reliquien
suchten die Mönche von Soreth noch weitere theure
Andenken an Heilige zu erlangen. Namentlich
erbaten sie sich Ueberreste von süddeutschen und
speziell von schwäbischen Heiligen, z. B. aus
Reute, Sigmaringen, Köln u. s. w., ferner noch

i) Siehe Archivregister Tom. I. Lade L.
4. Fascikel Nr. 1 — 32. — Tagbuch des Abtes
Didakus Ströbele. Seite 262—371. — Schuss.
Hailschronik. 3. Theil. Seite 554 und 561.
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