Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 15.1897

Seite: 53
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Organ des Rottenburger DiözesanOereins für christliche Kunst.

perausgegebeu und redigirt von Professor vr. Reppler in Freiburg.

Verlag des Rottenburger Diözescni-Runstvereins,
für denselben: der Vorstand Pfarrer vetzel in St. Lbrislina-Ravensburg.

Erscheint monatlich einmal. Halbjährlich für M. 2.05 durch die württembergischen (M. 1.90
im Stuttgarter Bestellbezirk), M. 2.20 durch die bayerischen und die Reichspostanstalten,
st. 1.27 in Lesterreich, Frcs. 3.40 in der Schweiz zu beziehen. Bestellungen werden
auch angenommen von allen Buchhandlungen sowie gegen Einsendung des Betrags direkt
von der Expedition des „Deutschen Volksblatts" in Stuttgart, Urbansstraße 94, zum
Preise von M. 2.05 halbjährlich.

Oer Naturalismus in der Kauft.

Klarlegung des Verhältnisses zwischen
Kunst und Natur ist und bleibt eine Haupt-
aufgabe der Aesthetik. Unklarheit bezüglich
dieses Grundproblems erzeugt sofort Ver-
wirrungen in der Theorie, Verirrungen
in der Kunstpraxis. Nie war eine Ver-
ständigung über diese Lebensfrage mehr
Bedürfnis als heute, wo die Verwirrung
eine babylonische, die Verirrungen mon-
ströse geworden sind.

Wer die herrschenden Strömungen des
heutigen Kunftlebeus kennt, dem braucht
mau nicht erst zu sagen, daß es sich gegen-
wärtig weniger darum handelt, die intimen
Beziehungen und die noihwendigen Ver-
bindungsfäden zwischen Kunst und Natur
aufzuzeigeu, als vielmehr darum, feste
Grenzlinien zwischen beiden zu ziehen und
der Kunst wieder zum Bewußtsein zu
bringen, daß eine unerlaubte Vermischung
lind Verschmelzung mit der Natur ihr
Wesen ebenso oder noch sicherer und rascher
zerstört, wie eine krankhafte Naturslncht.
Vollends versteht der die Bedürfnisse und
Gefahren der Zeit sehr wenig, welcher
meint, der heutigen religiösen Kunst vor
allem möglichst viel Natnrgennß verschreiben
zu müssen und Freiheit in dieser Richtung
als den Hauptpunkt ihres Programms
ansieht. Freiheit allein kann nie ein Pro-
gramm bilden. Man hat schon gesagt,
die Völker brauchen zu einem glücklichen
Leben im Grunde sehr wenig Freiheit,
aber sehr viel Ordnung. Man könnte
beinahe von der Kunst, vorab von der
religiösen, das gleiche sagen.

Es ist kein Zweifel, die Hauptkrankheit
der modernen Knust heißt Naturalismus
und kommt von einem Uebermaß im
Natnrgennß. Daß allmählig diese lleber-
zengung auch weitere Kreise erfaßt und
auch von solchen ausgesprochen wird, welche

von allem Verdacht einseitig spiritualisti-
schcr oder specifisch christlich-religiöser
Tendenzen frei sind, das registrieren wir
mit Freuden als Beweis dafür, daß die
Wahrheit sich schließlich doch immer wieder
Bahn bricht und daß auch die stärkste
Wellenströmung zuletzt doch au dem Granit-
selsen wahrer Prinzipien zerschellt, sie mag
ihn noch so lange und noch so übermüthig
übersebänmt und übersprungen haben.

Die Resipiscenz wäre sicher schon viel
früher eingetreten, läge nicht die ästhetische
Theorie ziemlich im Argen und hätte sie
nicht beinahe alle Selbständigkeit und
Superiorität, daher auch allen maßgeben-
den Einfluß auf die Knnstübnng eingebüßt
und würde nicht die Kunstkritik vielfach
mit jeder Modethorheit buhten. Wir
haben von unserem Standpunkt und im
Interesse vor allem der religiösen Kunst
immer gegen den Naturalismus im schlimmen
Sinn angckämpft. Jetzt stehen wir in
diesem Kampfe wenigstens nicht mehr allein.
Mit besonderer Freude können wir in der
Reihe unserer Bundesgenossen auch einen
Professor der Anatomie begrüßen. Die
Ueberschrift unserer Betrachtung ist auch
der Titel einer akademischen Rede, welche
Dr. A. Räuber in Dorpat in diesem Jahre
gehalten hat. Die kurze Rede verdient
wegen des Reichthums und der Nichtigkeit
der Gedanken weitere Beachtung.

Der Redner führt sich gleich im An-
fang ein als einen seiner Gründe bewußten
Gegner der naturalistischen Bewegung,
welche seit etwa drei Jahrzehnten die Kunst,
insbesondere die Dichtkunst, Malerei und
Skulptur ergriffen hat, als Gegner einer

Der Naturalismus in der Kuu st.
Akademische Rede, gehalten in der Aula der
Kaiserlichen Universität Jurjeff (Dorpat) im
I. Semester 1897 von Dr. A. Räuber, Pro-
fessor der Anatomie. Leipzig, Arthur Georgi
! 1897. 8°. 23 S. Preis: i M.
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