Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 15.1897

Seite: 54
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Kunst, welche ihre Höhe verlassen hat, sich
erniedrigt im Staube windet oder im
Snmpse sich wohlgefällt, welche „die
Schönheit, die bisherige Göttin der Kunst",
entthront und in unbekannte Gegenden ver-
wiesen und an deren Stelle seltsame drohende
Gestalten gesetzt hat, welche sich der
früheren Göttin gegenüben wie Gespenster
ansnehmen. „Wir erblicken ans dem
Throne der Schönheit die bösen Gei st e r
der Wirklichkeit, nämlich die Verkümme-
rung, die Unreife, die Unzulänglichkeit,
die Krankheit, die Schande, die Häßlich-
keit, das Laster, das Verbrechen und die
Verworfenheit." „Die neuere Kunst sieht
mit geschärften Augen int Leben und
Dasein der Menschen viel Häßlichkeit, viel
Unreife, viel Schwierigkeit, viel Krankheit.
Sie will die Menschen und ihr Leben
zeichnen, wie sie dieselben so oft und so
aufdringlich vor sich erblickt. Im Slattb
der Alltäglichkeit, im Sumpfe der Niedrig-
keit ist daher der bevorzugte Platz ihres
Verweilens."

Sehr interessant siitd die Ausführungen
des Redners über die Ursachen, welche
dem Naturalismus zit solchem Sieg ver-
halfen. Er zählt deren folgende nenn auf:

1. Die Liebe zur Abwechslung; auch
in der Kunst gebe eö eilte Mode und
spiele die Sucht uach Nettem eine große
Nolle.

2. Fehler der idealistischen Kunstrichtung,
welche eben wie aller Knnststil nach Zeiteit
des Anfangs und der Blüte itt Perioden des
Verfalls eintrete und dttrch Ueberschwattg-
lichkeiten und Abwege das etttgegengesetzte
Extrem rtife.

3. Tiefgreifende und anhaltettde soziale
und politische Nothlagen.

4. Der Zusammenbruch alter und be-
deutungsvoller Lebeitsideale und der Mangel
oder die Zurückweisung von neuen.

5. Allgemeine, den Schwierigkeiten der
Lage nicht gewachsene geistige Schwäche-
znstände.

6. Relatives Uebergreifen der wissen-
schaftlichen Denkart. „Zeiteit, in welchen
die Wisseitschaft große Erfolge errnngen
hat und attdere erwarten läßt, tvirken ans
die Belhätigung des Kttnstsinnes herab-
stimmend ein, lassen die Kunst mehr oder
weitiger stark in ben Hintergrund des In-
teresses znrücktreten oder drücken der Kunst
sogar ein wissensebaftliches Gepräge ans."

7. Pessimistische Weltanschauung. „Es
liegt auf der Hand, daß eine Zeit,
itt welcher eine pessimistische Grnndstim-
mtlng große Verbreitung erreicht hat, das
Kunstleben tticht unversehrt lassen kann.
Solange als die neuen Ideale nicht die Herr-
schaft gewonnen haben, wird der Pessi-
tnismus die idealistische Knnstübnng znrück-
weisen und die Kunst ihrerseits eine mehr
oder weniger scharf ausgesprochene facies
hippocratica hervortreten lassen.

8. Nachahmung anderer Völker, welche
dem Naturalismus huldigen itnb

9. mangelhafte Kenntnis; der Natur.

Mau mag über einzelne Punkte dieser

ätiologischen Betrachtung denkett wie ttuttt
will, jedenfalls beweist sie, daß der Redner
tief in sein Problem eingedrnttgen ist ttttb
die naturalistische Zeitkrankheit der Kunst
bis auf ihren tiefsten Grund und Sitz
erforschen wollte. Er wirst nun die Frage
ans, ob das wirklich eine Krattkheit oder
nicht vielleicht, wie manche meinen, vielmehr
ein höherer Grad des Wohlbefindens, ein
Zeichen überschänmender Lebenskraft sei.
Er glaubt den größten Vertretern der
Richtung das Zugeständniß machen ztt
sollett, daß sie bestrebt seien, die Menschen
anfzuklären, zu bessern und ans eine höhere
Stttse des inneren Lebens ztt erheben; hinter
diese hohen Absichten wird wohl mancher
ein zweifelhaftes Fragezeichen zu setzen
versucht sein. Richtig ist, daß die natura-
listische Bewegung auf Beseitigung von
lleberschwänglichkeiten tittd Abwegen der
idealistischen Knnstübung hingewirkt mtd
dadurch die letztere befähigt hat, neu ge-
kräftigt tittd geläutert sich zu einer höherett
Stufe zu entwickeln. Aber mit noch mehr
Kraft weist der Redner auf den großen
Schaden des Naturalismus hiit: „Dieser
Schaden ist zum Theil ein negativer, in-
dem der Naturalismus sich au Stelle der
idealistischen Knust gesetzt und den gün-
stigen Einfluß der letzteren auf die Er-
ziehung des Volkes znm Ausfall gebracht
hat. Znm andern Theil ist der Schaden
eilt positiver. Dieser Schaden geht nicht
sowohl von den obersten und intelligen-
tefteu Vertretern des Naturalismus ans,
als von der tttigehettren Zahl der Minder-
begablen, welche es schon weithin zu nichts
Geringerem als ztt einer Vergiftttng
der Volksseele gebracht haben. D i e
richtig e n B e g r i f f e v o u Liebe,
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