Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 15.1897

Seite: 55
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E fiv e, R e d) t, O r b it it n g, L e b e II s -
a u >' g a bensindall in ä h l i g i n g a »z e n
S ch icht e n der B e v ö l k e ruu g ver-
loren gegangen."

Diese schädlichen Wirkungen aber sind
nicht die Folgen von Ausschreitungen ein-
zelner Vertreter, sondern die Ansschwä-
rnngen und Entleerungen eines lief innen
sitzenden Geschwürs, die natürlichen Früchte
innerer, im Wesen der naturalistischen Kunst
liegender Jrrthümer. Dieser Nachweis ist
dein Redner zum wirklichen Verdienst an-
zurechnen. Der jetzt herrschende Natura-
lismus, den man als Kakonatnralismus
bezeichnen könnte, überstürzt und vergreift
sich im Streben nach Wahrheit so gründ-
lich, daß er innerlichst unwahr wird, nicht
mehr Natur ist, sondern Verleumdung der
Natur. Er sieht in der Natur und
Menschenwelt nur das Häßliche, Falsche
und Schlechte, hält daher nur dieses für
wahr und wendet sich ihm ausschließlich
oder mit Vorliebe zu. Mit welchem Recht
Übersicht er aber das Schöne, Wahre und
Gute? Wenn es selbst richtig wäre,
daj; dieses so selten geworden, daß man
eS kaum mehr zu scheu bekommt, wozu
denn auch in der Kunst es noch extra be-
tonen, Berge des Schlechten, Falschen und
Häßlichen anfhäusen? „Wozu bedürfen
ivir noch einer zweiten, von der Kunst ge-
stalteten Welt der Häßlichkeit, wenn schon
die Wirklichkeit nichts anderes bedeutet, als
eine vielleicht sogar unverbesserliche Welt der
Häßlichkeit? Muß nicht um so mehr in
der Kunst wenigstens dem Schönen noch
eine Freistatt gewährt bleiben? Kommt ferner
nicht dem Anblick des Guten, Schönen und
Wahren eine besser erziehende, positive Kraft
zu, als der beständigen, vorzugsweisen oder
alleinigen Wahrnehmung des Uebeln? Das
Gute ist wahrer als das Böse und das
Schöne wahrer als das Häßliche, mag
letzteres noch so häufig sein. Das Häß-
liche, Böse und Falsche ist bloß der Gegen-
satz, die Verneinung und die Störung;
das Schöne, Gute und Wahre aber ist
das Wesentliche, die Bejahung und die
Erhaltung." „Die Natur ist nicht bloß das
Häßliche, Falsche und Schlechte, sondern
schließt auch das Schöne, Wahre und Gute
in sich ein; sie schließt eS nicht bloß ein,
sondern die hellen Mächte stehen auch im
Vorrang gegen die finsteren. Nichtiger
ansgedrückt ist also die Natur das Schöne,

Wahre und Gute weit mehr als deren
Gegensatz."

Warum sollte es gerade beim Menschen
anders sein? Kein Besonnener werde
einen verwitterten, beschädigten Kristall als
den eigentlichen Typus betrachten und ihm
vor einem vollkommen ausgebildeten, unbe-
schädigten den Vorzug geben. Es habe doch
bisher auch niemand versucht, Rose» zu be-
singe», welche durch zu frühen Frost oder
durch Vertrocknung in ihrer Entwicklung
verkümmert und zurückgeblieben, durch eine
Invasion von Pilzen erkrankt oder durch
den Fraß von Larven zerstört waren, viel-
mehr haben alle die vollkommen sich ent-
wickelnde und die fertig entwickelte in Form
und Duft vorgezogeu. „Nie hat ein Maler
bisher es unternomneu, den Löwen der
Wüste als ein von Krankheit abgemagertes
Gerippe darzustellen, welches nickt mehr
die Kraft besitzt, sich auf dem Boden auf-
recht zu halten und die Mähnenhaare be-
reits verloren hat, es müßte denn in der
Absicht geschehen sein, eine Karrikatnr zu
liefern. Alle übrigen haben die normale
Beschaffenheit des Löwen als die typische
betrachtet. Nur beim Menschen, der Krone
der irdischen Schöpfung, glaubt die Kunst,
die naturalistische, eine Ausnahme machen
und die charakteristischen Eigenschaften
desselben in der pathologischen Sphäre
des Körpers und der Seele suchen zu
dürfen." „Zeigte uns doch die ächte
naturalistische Kunst lieber die ächte, voll-
kommene Natur! Diese ist viel charakter-
voller als die Gestalten der Verkümme-
rung, der Krankbeit und der Verirrung.

Möchten doch diese trefflichen Gedanken
wenigstens von allen religiösen Künstlern
beherzigt werden und den unbedingten Glau-
ben ans Modell erschüttern!

Wiewohl Räuber einer Weltauschanung
huldigt, welche ziemlich darwinistisch-revo-
lntionistische Anklänge zeigt, wiewohl er
der Ansicht ist, daß in der Gegenwart
eine andere als naturalistische Kunst im
allgemeinen gar nicht möglich ist, so ver-
neint er doch energisch die Frage, ob
man nicht im Vertrauen ans den bis-
herigen Verlauf der Kunstgeschichte einfach
der Zeit die Bestimmung des Punktes
überlassen sollte, an welchem das Wellen-
thal des Natnralismns seine größte Tiefe
erreicht hat und der Wellenberg des Idea-
lismus von selbst wieder anfängt in die
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