Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 15.1897

Seite: 56
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Höhe zu steigen. „Das wäre gegen die
Vernunft und gegen die Vorschriften aller
ärztlichen Methodik. Kennt man die Ur-
sachen der krankhaften Erscheinung, sv wird
man bemüht sein, ans die Entfernung der
krankmachenden Ursachen hinznwirken. Auch
wird ans die Erhöhung der Widerstands-
freift des erkrankten Körpers hinzuarbeiten
sein, um nicht einer noch tieferen Depres-
sion des Wellenthales Raum zu geben.
Thut man dieses, so ward die Kunst von
selbst wieder neu anfzuleben und zu blühen
beginnen."

Wie soll jenen Ursachen entgegengewirkt,
wie der geschwächte Organismus der Kunst
widerstandsfähig gemacht worden? Hier
sind freilich die Vorschläge unseres Red-
ners recht nah beisammen, wenig befriedi-
gend und wenig versprechend. Davon aus-
gehend, daß der NatnraliSms in der Kunst
schließlich doch nur auf ganz oberflächlicher
Kenntuiß der Natur beruhe, daß es keine
wirksamere Gegnerin desselben gebe als
tiefere Kenntuiß der Natur m. a. W. als
die Naturwissenschaft, daß überhaupt nichts
mehr dazu beitrage, „den Rückgrat der
Menschheit zu stärken" als die Natur-
wissenschaft, — hiervon ausgehend ver-
ordnet er den jungen Künstlern als Gegen-
gift gegen naturalistische Infektionen nebst
tüchtigem Studium der Aesthetik und Kunst-
geschichte hauptsächlich tüchtiges Studium
der Natur.

Etwas Richtiges ist ja wohl auch darin.
Es ist ganz wahr, daß bloß eine leicht-
fertige, oberflächliche Auffassung und Kenut-
niß der Natur sich solch kindischen, knaben-
haften Abschreibens und Abmalens aus
dem Buch der Natur, sich solcher rohen
Behandlung, brutalen Vergewaltigung, ja
verbrecherischen Nothzüchtigung der Natur
schuldig machen kann, wie der NatnraliW
ums in vielen seiner Erzeugnisse.

Aber ob die Naturwissenschaft — die
heutige Naturwissenschaft davor zu be-
wahren vermag, — diese Frage darf man
im Tone berechtigten Zweifels stellen.
Kann sie so ganz sicher die verloren ge-
gangene keusche Erfurcht und Hochachtung
vor der Natur der Knust wiedergeben?
Fehlt es nicht ihr selbst daran in hohem
Maße? Ist sie nicht selbst vielfach mate-
rialistisch verroht? Vermittelt sie etwa
ohne weiteres den weiten, tiefen, univer-
salen Blick, der die Natur als Ganzes er-

faßt, und über all den Einzelerscheinungen
und Einzelstörungen die stille Größe und
wunderbare Harmonie des Ganzen zu
schauen vermag? Ist nicht selbst die Natur-
wissenschaft in eine Anzahl von Wissen-
schaften auseinandergefallen, von welchen
jede nur ihr Aeckercheu bestellt und an
ihrer Scholle klebt?

Der Redner selbst beklagt, daß hentzntag
die Pflege der causaleu Geisteskraft, der
Erzeugerin der Wissenschaft, die Pflege der
ästhetischen Kraft, welche die Mutter der
Kunst ist, weit überwiege und fast ver-
drängt habe. Und nun soll der Kunst und
der ästhetischen Kraft dadurch aufgeholfen
werden, daß man die causale Kraft in den
Naturwissenschaften noch mehr kultiviert
und auch die Künstler zu eigentlich natur-
wissenschafticheu Studien nötigt? Das
will sich nicht recht reimen.

In die naturwissenschaftlichen Hörsäle
können wir die Künstler nicht schicken.
Wir haben auch absolut keine Gewähr,
daß sie ans denselben wirklich einen ächten,
reinen, tiefblickenden Natursinn in die
Akademien mitbrächten. Würde man uns
fragen, welches das sichere Mittel fei, die
Kunstjünger vor den Abwegen des Natu-
raliSmus zil bewahren, so würden wir
antworten: lehret sie, mit christlich-gläu-
bigem Auge die Natur ansebauen als
Gottes Schöpfung und Offenbarung;
prägt ihnen ein, daß der Künstler wie jeder
Mensch unter dem Sittengesetz steht' und
daß das künstlerische Arbeiten wie jedes
Arbeiten sittliche Zwecke haben müsse,
daß es um die Kunst eine hohe, heilige
Sache sei, welche Einsatz aller Kräfte, der
intellektuellen und moralischen fordere,
daß oberster Zweck aller Kunst nur sein
könne, an der Veredlung und Erziehung
der Menschheit mitznarbeiten. Es wird
noch viel brauchen, bis man in Künstler-
kreisen diese „veralteten" Anschauungen
nicht mehr belacht, und noch mehr, bis
man wieder nach ihnen lebt. Inzwischen
sind wir's zufrieden, daß die Stimmen,
welche die moderne naturalistische Kunst
verurtheilen, sich mehren. —

5t Ulrich und Afra in Augsburg.

Auf eine mehr als 1300jährige Ge-
schichte schaut diese ehrwürdige Kirche zu-
rück, atis kleinen Anfängen ins Große
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