Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 15.1897

Seite: 58
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SJniicfl in Bosnien uiib das Friedhof-
kirchlein zu Schöuua bei Meran — so
sind die allen Angaben doch so klar und
bestimmt, daß der verstorbene Domvikar
Dengler ans Grund derselben wagen
konnte, einen Plan der alten Doppel-
basilika zu zeichnen, der dem Schristehen
beigegeben ist.

Dieser Fund, dessen Nichtigkeit und Aecht-
heit nach den Darlegungen des Verfassers
kaum einem Zweifel unterliegen kann, berei-
chert in der That die Geschichte der romani-
seben Architektur mit einem ganz originellen
Bauwesen, das allem nach in Augsburg selbst
noch zweimal Nachahmung fand, in der
zweischiffigen ehemaligen Dominikaner- und
der Kalharinenkirche. So sehr dasselbe
vom üblichen romanischen Bansebema ab-
weicht, so leicht erklärt sich seine extra-
ordinare Grnndrißbildung: das Grab des
hl. Ulrich, das dieser sich selbst südlich
von der alten Kirche eingebaut Halle, sollte
respektiert und doch in die neue Kirche
einbezogen werden, so daß der heiligen
Märtyrin und dem heiligen Bischof
gleiches Recht und gleicher Antheil zu-
gewiesen wurde.

Bezüglich weiteren interessanten Details,
das ans ben Chroniken über diesen Ban
zu entnehmen, müssen wir ans das Schrift-
chcn selbst verweisen. Von der Apsis-
wölbung des Afrachores ist in Wittwers
Abtskatalog berichtet, sie sei ähnlich her-
gestellt worden wie die der Johanneskirche,
welche Ulrich erbaut habe und manche
hätten das „Haffendecken" genannt. Dazu
macht der Verfasser die Bemerkung: „Die
Bezeichnung „Hasendecke" ist so deutlich,
daß ein Zweifel, was darunter zu ver-
stehen sei, nicht anskommen kann. Bereits
ans dem vierten christlichen Jahrhundert
sind nämlich Beispiele dafür bekannt, daß
man die Schwierigkeiten des Gewölbebanes
durch Benützung von Thongesässeu zum
Zwecke der Wölbung zu vermindern suchte.
So war es in der Platonia bei Skt. Se-
bastiano, beim Mausoleum der heiligen
Helena von S. Pietro e Marcellino
zu Rom rc.; die gleiche Wahrnehmung
machte man jüngst beim Abbruch der
Apsis der alten romanischen Kirche zu
Burgfelden in Württemberg, und diesen
Beispielen können also auch die Johannes-
kirche ans der Zeit des heiligen Ulrich
und unsere Ulrichskirche zu Augsburg

selbst eingereihl werden." (S. 35.) Die
Beiziehnng Burgfeldens beruht ans einem
Mißverständniß; die Thontöpfe, welche
dort im Mauerwerk gesunden wurden,
haben mit Wölbungen nichts zu lhun; an
der ganzen Bnrgfeldeuer Kirche ist über-
haupt nichts gewölbt und sie hatte auch
keine Apsis; die Töpfe fanden sich in den
Sargwänden unter den Malereien; der
Zweck ihrer Einniaueruug ist in Webers
Monographie über die Wandgemälde zu
Burgseldeu (Darmstadt 1896, S. 65 ss.)
wohl eudgiltig klargelegt.

Werthvoll sind die Nachrichten über die
Wand- und Glasgemälde, welche die einstige
romanische Kirche schmückten, aber noch
viel interessanter der Abschnitt über die
Dorsalbehänge und Hungertücher, zwölf
an der Zahl, welche ebenfalls noch ans
der romanischen Zeit stammten, wahrschein-
lich im Kloster selbst gefertigt wurden und
Erzeugnisse der Webe- und Htickkunst waren ;
dermittelalterlicheChronistWilhelmWittwer
gibt in seinem Abtskatalog aus eigener An-
schauung von ihnen eine so genaue Be-
schreibung, daß ihr ganzer Bildercyklns
und Jdeenkreis, kommentirt durch fort-
laufende hexametrische Inschriften, aufge-
schlossen vor uns liegt. Auf dieses für
die frühmittelalterliche Symbolik und
Ikonographie hochwichtige Kapitel des
Schriftchens können wir nicht näher ein-
gehen, nur nachdrücklich verweisen.

Die naebromanischen Geschicke bei Kirche
werden nur noch strichweise gezeichnet.
Die Gothik bemächtigt sich unter Abt
Konrad Winkler zunächst des baufällig
gewordenen Afrachores, führt dann von
1467 an ein neues dreisebiffiges Langhaus
auf, dessen Säulenreihen in der Achse der
beiden Chöre standen, das aber 1474 durch
einen Orkan niedergelegt wurde. 'Noch
im gleichen Jahr wurde der Neubau in
Angriff genommen und bis gegen Ende
des Jahrhunderts die jetzt noch stehende
imposante Kirche fertiggestellt; 1500 wurde
der Grundstein gelegt zu einem ihr ent-
sprechenden großen gothischen Chor, der
aber erst 1603 eingewölbt werden konnte.

Das gediegene Schriflchen weckt den
Wunsch, es möchte ihrem Verfasser nicht
an Lust und Muße fehlen, diese Skizze
zu einer erschöpfenden Monographie über
das kunstgeschichtlich hochbedeulsame Bau-
denkmal zu erweitern.
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