Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 15.1897

Seite: 59
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Lugen Koppler -(*.

(Schluß.)

Sie Arbeiten des Verstorbenen für das
„Archiv" verdienen, daß man ihrer aus-
drücklich Erwähnung thnt; denn sie sind
nach Zahl und Umfang erheblich, aber
noch weitaus werthvoller und bedeutender
durch ihren Inhalt. Wenn einmal an-
läßlich einer Jubelfeier des Nottenbnrger
Diözesanknnstvereins ein geschichtlicher Ab-
riß über das „Archiv" und seinen Vor-
gänger, den „Kirchenschmnck", gegeben
wird, so erhalten Engen Kepplers Arbeiten
zweifellos eine der ersten Stellen in der
Würdigung der literarischen Leistungen des
Blattes. Sie sind nichts Gewöhnliches.
Sie verrathen den Meister cutf dem Ge-
biete, das er behandelt hat, und sie sind
ein bleibender Ruhm dieser Knnstzeitschrift,
um welchen sie jede andere beneiden darf.

Engen Keppler hat, von kleineren Ge-
legenheitsartikeln abgesehen, folgende Ar-
beiten ins „Archiv" geliefert: „Ueber Ab-
leitungen vom Christlichen ans dem Heid-
nischen", 5 große Artikel (1887); „Deutsch-
lands Riesenthürme" (1888 und 1889),
11 Artikel; „Das Bilderwerk des Tauf-
steins in Freudenstadt" (1889), 4 Artikel;
„Der Hirsaner Bilderfries" (1890), in
7 Briefen; „Zum Ausbau des Ulmer
Münsters" (1890), 2 Artikel; „Der mittel-
alterliche Physiologus" (1891), 3 Artikel;
„Phantastische, scherz- und boshafte Ge-
bilde mittelalterlicher Kunst" (1890 und
1892), zusammen 13 Artikel; und endlich
als seine letzte Arbeit „Schwäbische Krn-
zifixbilder nebst Krnzisixbetrachtungeu"
(1896) 2 und (1897) 1 Artikel, nicht
vollendet.

Man sieht ans den ersten Blick, daß
Engen Keppler darin nicht unmittelbar
praktische Fragen nnb Erörterungen
oder Beiträge §itv Ausübung der kirchlichen
Kunst in der Gegenwart behandelte. Er
ging tiefer. Er schöpfte aus beni Geist
der mittelalterlichen Kunst und ließ
ihre Ströme rauschen und fließen zur Be-
fruchtung der Gegenwart; er hat die Ge-
bilde dieser Kunst, wie die Auscbannngen
der großen Christenheitsseele, in deren
Schooß sie herangewachsen ist, in seltener
klarer Erkenntniß und mit wunderbarer
Begeisterung der Leserschaft des „Archivs"
in den genannten Artikeln vorgeführt.
Denn sie alle — sie sind E i u G anze s.

Ein einheitlicher großer Zug geht durch
sie alle, welche eine Spezialität bedeutendster
Art sind. Eugen Keppler zeigt sich darin
als einen der feinfühligsten und zugleich be-
lesensten Kenner mittelalterl. Kunstgeistes.
Er hat wirklich Neues geboten, das bisher
im „Archiv" nie eingehend behandelt war.
Seine diesbezüglichen Arbeiten lassen sich
in drei Theile scheiden, die aber alle ans
demselben Untergründe der Erkenntniß und
Offenbarung mittelalterlicher Kunst stehen.

Die Abhandlung über die fünf größten
und schönsten gothischen Thürme Deutsch-
lands (nämlich der von Freibnrg, Ulm,
Köln, Straßbnrg und Wien), erweitert
ans einem Vortrag, mit welchem er sich
anläßlich der Generalversammlung des
Vereins in Sigmaringen einführte, steht
an der Spitze aller seiner Arbeiten, und
es will uns bedünken, daß Engen Keppler
in diesen Prachtartikeln ans der höchsten
Höhe seiner geistigen Kraft wie seiner
sprachlichen Vollendung glänzt. Die exakte
Erkenntniß der Gesetze, wÄche die genannten
Wnnderbauten verkörpern, vermählt sich
mit einer hinreißenden Darstellnngsschön-
heit zu einem Ganzen von klassischer Herr-
lichkeit. „Wie einer der Macht hat",
setzt er ein zur allgemeinen philosophischen
Einleitung, kühn und sicher schreitet er
voran, für manchen vielleicht zu wenig
lehrhaft nnb durchsichtig, da er den Leser
als congenial mit seinem Denken und
Fühlen voranssetzt, ein Denken und Fühlen,
das freilich gewaltigere Schwingen erfordert,
als manche besitzen. So spricht und
schreibt nur Einer, dem das wahre Wesen,
wie die Entwicklung der mittelalterlichen
Kunst ein enthülltes Geheimniß ist, ein
bekannter und zu eigen gewordener fester
Besitz. Und wenn er dann im Einzelnen
an jeden der Thürme kommt: da ist's
als ob diese Niesen und die Seelen ihrer
Baumeister selbst sprächen. Da wird alles
lebendig vom Fundament bis zu den Fialen,
Krabben nnb Kreuzblumen, da wächst'S
und blüht's, da flüstert's und spricht's ans
allen Ecken und Steinen, da offenbaren sich
einem wie im magischen Lichte Sinn und
Verhältnisse dieser Steinmassen. Und gleich-
wohl — wie knapp ist mancher herrliche
Gedanke gefaßt, — einige Zeiten, wo der
breite Bischer z. B. mit Behagen eine Seite
ästhetischer Modulationen gemacht hätte!
ZweifellvH am wärmsten und schönsten
charakterisirt ist von allen biefen Thürmen
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