Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 15.1897

Seite: 61
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zeigt sich iit seiner Arbeit über beit Freuden-
städter Taufstein mit seinen seltsamen Fi-
guren im steifsten, unbeholfensten, früh-
romanischen Stil. Das setzt enorme Ar-
beiten, ungemein große Belesenheit und
objektivste Freiheit der Untersuchung und
Beurteilung voraus. Und E. K. erbringt
in diesen Untersuchungen den Beweis da-
für, daß es ihm in erster Linie uub nur
um die Wahrheit zu thun ist, um die
wirkliche Erkenntnis; der Thatsachen; man
erinnere sich an seine Erklärung der Fi-
guren des Bockes an dem genannten Friese.
Hätten — das sagten wir uns wiederholt
— gewisse „Historiker", die übecks Mit-
telalter schreiben, nur die Hälfte des Ver-
ständnisses von E. K. für mittelalterliche
Anschauungen, dann stünde es wahrlich
anders um unsere deutsche „Geschichte-
Schreibung, die in 90 Fällen unter hundert
niebts anderes' ist, als die tendenziöse Aus-
schlachtung mittelalterlicher Lebensäuße-
rnngen zu bestimmten konfessionellen und po-
litischen Zwecken der Gegenwart — alles
nur kein wirkliches Geschiebtsverständniß,
noch wissenschaftliche Wahrheit und Treue.

An diese mehr kritisch-polemischen Ar-
beiten reihen sich dann die Untersuchungen
über „Phantastisches re." in mittelalterlichen
Bildwerken an. DaS ist nun eine Art Samm-
lung von Material positiver Art zur Er-
kenntnis; der Symbolik der Kunst jener
Zeiten. Um die Masse des hier Citierten
und die darin bekundete Belesenheit könnte
E. K. mancher Archäologe beneiden. Diese
Studie ist eine Monographie von kultur-
geschichtlicher Bedeutung, die entschieden
über den Nahmeie der bescheidenen Zeit-
schrift hinansragte, in welcher sie veröffent-
licht ist. Und wenn maie am Ende da-
von angelangt ist, so sagt man sich nicht
ohne Demüthignng, wie wenig der ein Recht
hat mitzusprechen über Mittelalterliches in
Kunst und Handwerk, welcher nicht posi-
tivste Kenntnisse der Grammatik und Syntax
jener symbolischen Kunstübung besitzt. Auch
hier heißt es, daß eben nur der die Macht
hat, der das Wissen besitzt. Endlich gibt
E. K. in seinen Artikeln über den „Phy-
siologus" in gewisser Weise und nach
einer Seite hin den Schlüssel zu des ganzen
Näthselö Lösung. Da schlägt er das große
Lexikon ans zur Erkenntnis; der großartigen
Symbolik der mittelalterlichen Kunst und
zeigt, nicht systematisierend — denn dazu
ist er doch zu sehr Rhetor — aber mittels

einer Reihe instruktiver Stichproben aus
allen Theilen dieses Rezeptbnches, uni diesen
Ausdruck git wählen, wie die damalige
christliche Kunstauschauuug die sinnliche
Welt — Thiere und Pflanzen — verwer-
thete im Dienste der Verherrlichung des
Glaubens lind seiner Geheimnisse. So
schreitet er von der anfänglich mehr ab-
wehrenden zur positiv aufbauenden Thätig-
feit znm Behuf der Aufklärung über mit-
telalterliche Kunst fort; und es ist nur
die Liebe zur Wahrheit und nichts
als die Liebe zur Wahrheit, die
ihn hiebei geleitet hat.

Die dritte und letzte A b t h e i l u n g
seiner Arbeiten über die mittelalterliche
Kunst ist leider nicht vollendet, wenigstens
nicht in der Fertigstellung aller geplanten
Artikel zur Veröffentlichung. Er selbst
hat so viel Material gesammelt und sich
so eiugearbeitet gehabt, daß nur äußere
Ursachen, nämlich sein schweres körperliches
Leiden ihn zu hemmen vermochten. Und
gerade dieser Theil märe die Krone seiner
ganzen schriftstellerischen Thätigkeit im
Dienste der christlichen Kunst geworden.'
die Untersuchungen und Betrachtungen über
schwäbische Kruzifixbilder aus dem Mittel-
alter und über Krnzifixdarstellnngen über-
haupt. Die drei Artikel, die hierüber er-
schienen sind ans seiner Feder, zeigen, das;
sieb hier mit dem feinen ästhetischen Ge-
fühl für das wahrhaft Schone aus der
mittelalterlichen Kunst, das er in seinen ersten
Arbeiten über die Thürine vorwalten ließ,
und mit dem nnerbittlichen und unbestech-
lichen Sinn für positives, exaktes Forschen
und Wissen, also für die Wahrheit der
Erkenntnis; mittelalterlicher Kunst, nun als
drittes der innerste Geist derselben, vereinigt:
die A n d a ch t, d i e z a r t e, glanbensin -
nigste Religiosität. Die allgemeine
Einleitung dieser Betrachtungen ist ein
Meisterwerk christlicher Schönheitslehre,
und die Detailbetrachtungen, leider nur
die drei Kreuzbilder von Blaubeuren, Freu-
denstadt und Wiblingen umfassend, sind
so tief und schön geschrieben, daß man
wirklich tief beklagen muß, daß die Serie
aller 12 Schilderungen nicht vollendet
worden ist. Nicht um die äußerlichen
Unterschiede und Aehulichkeiten der betr.
schwäbischen Krnzisixbilder handelt es sich
in diesen Spezialbetrachmngen — die hat
Eugen Keppler geistvoll in der allgemeinen
Einleitung abgemacht —, sondern um den
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