Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 15.1897

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Die Wandmalereien 511 Jell bei
Mberstaufen.

Von Pfarrer De Hel in St. Christin«.

Wenige Minuten, nachdem man die
Bahnstation des Luftkurortes Ob er-
st an feil im bayerischen Allgäu, Lindau
zu, verlassen hat, sieht man rechts, aber
nur ans ganz kurze Zeit, ans anmnthiger
Höhe inmitten einiger Bauernhöfe ein
äußerlich unscheinbares Kirchlein stehen,
von dem bis in die letzten Jahre hinein
Niemand vermnthet hatte, welch' reicher
Schatz mittelalterlicher Kunstwerke dort 31t
finden ist. Der Ort, nur eine halbe
Stunde nördlich von Oberstaufen gelegen
und eine Filiale dieser Pfarrei, heißt Ze ll
und es weist schon dieser Name ans eine
frühe Entstehnngszeit hin. Die Kapelle
war ehemals die Pfarrkirche von Zell,
wurde aber im Jahre 1375 mit der
Propstei Oberstansen nnirt. Hier nun in
dem Polygon geschlossenen Chore dieses
Kirchleins wurde schon seit Sommer 1883
eine Reihe mittelalterlicher Wandmalereien
entdeckt, aber erst in letzter Zeit ihrem
ganzen Umfange nach ans Tageslicht be-
fördert und restanrirt. Es hat sich bereits
sogar eine, wenn auch kleine Literatur
darüber gebildet: schon der verstorbene
Geistliche Rat und Stadtpsarrer Lederte
in Jmmenstadt hat sie im „Allgäuer Ge-
schichlsfrennd" (V. Jahrg. 1892 S. 47),
wo er „die Kapelle Zell bei Oberstansen"
beschreibt, erwähnt, ebenso Or. O.
Freiherr Lochner von Hüttenbach im
17. Bande des Repertoriums für Kunst-
wissenschaft und in der Beilage zur „Augs-
burger Postzeitung" Nr. 42 vom 18. Ok-
tober 1894. Mehr eingehend hat sie in
der Neuzeit der Regensburger Professor
Or. I. A. Enderö in einem Separatab-
drnck mit drei Vollbildern in Lichtdruck
ans dem „Allgäuer Geschichtsfrennd" Jahr-
gang 1897 S. 1 ff. behandelt.

Wenn wir nun ebenfalls nnb zwar in
eingehenderer Weise, als bisher geschehen ist,
eine Abhandlung über diese Wandgemälde
bringen, so veranlaßt uns hiezu sowohl
ihr so bedeutender Umfang als das hohe
itonographische Interesse, das sie bei jedem
Kunstfreunde erregen werden. Dann aber
liegen dieselben einem großen Leserkreise
unseres „Archiv" so nahe oder sind doch
so leicht erreichbar, daß wir mit unserer

Arbeit manchen Leser znm Besuche des
Kirchleins zu veranlassen hoffen. Unsere
Aufzählung der Bilder allein schon aber
wird zeigen, daß sie eines Besuches selbst
ans weiterer Ferne werth sind.

Was die räumliche Ausdehnung
der Malereien betrifft, so sind die sämmt-
lichen Wände des Chores vollkommen mit
Darstellungen bedeckt, die sich gleichsam
wie in einem Bilderbnche in drei Reihen
unter einander, nördlich von links nach
rechts, südlich umgekehrt, bis in die Mitte
des Chorabschlnsses hinziehen; ferner findeil
sich alle Malereien ans der innern Seite
des Chorbogens lind in den Fensterleibnngeil
der Südseite. Dem Inhalte der Dar-
stellungen nach lassen sich vier Gruppen
unterscheiden: Die Nordwand des Chores
hat 16 Bilder ans bem Marienleben, die
südliche Chorwand zeigt 12 Darstellungen,
von deneil je eine das Martyrium eines
Apostels enthält; ferner finden sich an
derselben Wand zwei Bilder ans dem
Leben des hl. Stephanus itnb ein Bild
mit der Enthanpttlng des hl. Albanns,
des Patrons der Kapelle. An dem Trinmph-
bogen ans der Seile gegen beit Altar hin
ist ferner das „Jüngste Gericht" gemalt
und in den Fensterleibungen südlich sieht
man vier noch erhaltene einzelne Heiligen-
bilder, während die Einzelnsignren an den
nördlichen Fensterleibtingen neu sind.
Gehen wir ans diese einzelnen Bilder des
Nähern ein.

I.

Nehmen wir zuerst die linksseitige oder
nördliche Wand des Chores in Augen-
schein, so finden wir, daß hier ein ganz
großer Cyklns von bildlichen Darstellungen
nur allein dem Marienleben gewidmet ist,
ein neiter Beweis, wie beliebt dieser Dar-
stellnngsgegenstand im Mittelalter war.
Diese zunehmende Verehrung der hl. Jung-
sran, wie sie sich gerade auch in den
vielen Bildercyklen zeigt, die ihrem Leben
gewidmet sind, führte von selbst dazu, daß
man jetzt auch ihren Eltern Joachim und
Anna eine größere Aufmerksamkeit schenkte.
Wenn daher jetzt die vollständige Reihen-
folge der Geschichte der hl. Jungfrau von
der Kunst gegeben wird, so beginnt sie
fast immer mit der Legeitde Joachims
und Annas. Schon im 13. Jahrhundert
hat Giotto in der Arenakapelle zu Padua
seinen dortigen Cyklns der 37 Fresken,
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