Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 15.1897

Seite: 69
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die er dem Leben des Herrn und der
bl. Jungfrau widmet, mit der ganzen
Legende Joachims und Annas ans dem
Protoevangelinm Jakobi eingeleitet. Ihm
folgt sein Schüler Taddeo Gaddi, dann
Agnolo Gaddi, Gaddi da Milano, Ginsto
di Giov. Menabnri u. a. In Deutsch-
land erwachte erst am Ende des 14. und
besonders im Anfänge des 15. Jahr-
hunderts die Verehrung der hl. Anna anfö
neue und liegt der tiefere Grund hievon
wohl in der damals neu beregten Lehr-
meinnng von der unbefleckten Empfängniß
Mariens. Es wurden Annabrnderschaften
itub Anna-Altäre errichtet, Kapellen imb
Kirchen ihr zu Ehren erbaut und findet
man fetzt auch hier überall, wo immer
das Marienleben in Bildern dargestellt
wird, dasselbe eingeleitet durch die Ge-
schichte der Eltern der hl. Jungfrau, wie
sie in den Apokryphen gegeben ist. Diese
Einleitung ins Marienleben mit der Ge-
schichte Joachims und Annas muß be-
sonders auch in unserer Gegend, im süd-
licheil Schwaben, dargestellt worden sein:
wir finden ein solches Marienleben, ans
die Wand gemalt und ebenfalls neu auf-
gedeckt wie das in Zell, in der Franen-
kirche zu Memmingen; in Glasmalerei
sehen wir ein solches in lnehr oder weniger
Darstellungen im Münster zu Ulm, im
Schlosse zu Friedrichshasen (vgl. „Schriften
des Vereins für Geschichte des Bodensees
und seiner Umgebung", Lindau 1891,
20. Heft, S. 52 ff.), in der Frauenkirche
zu Ravensburg (vgl. „Archiv für christ-
liche Kunst" 1891 Nr. 8 S. 74 ff.). Es
ist nun ikonographisch interessant, diese
verschiedenen Cyklen, deren geistiger In-
halt ganz ein unb derselben Quelle, den
apokryphischeu Evangelien, entsprnilgen ist,
die aber doch bezüglich der Zahl unb Alls-
wahl ihrer Sujets sowie der künstlerischeit
Ausfassllng ein uild derselben Darstellung
von einander verschieden sind, mit der je-
weiligen Aufsassungsweise unserer Bilder
in Zell zu vergleichen. Da ist an letzterem
Orte gleich auffaüenb, daß die Einführung
zllm Marieilleben, weilit ciud) nur sehr
verkürzt,

1. der S t a m nl b a u lu C h r i st i (die
Wurzel Jesse) bildet, der sonst, wie z. B.
im sogenannten Krainerfeuster des Ulmer
Münsters, den Darstellungen aus dem
Leben Jesll voranzugehen Pflegt, welche

gewöhnlich erst mit „Mariä Verkündigung"
beginnen. Schon das griechische Maler-
blich vom Berge Athos stellt unsern Gegen-
stand „wie die Wilrzel Jesse dargestellt
wird" an das Eilde der „Wnilder des
Alten Testaments" unb läßt unmittelbar
daraus „Mariä Verkündigllug" folgen.
Wir sehen hier in Zell Jsai (oder Jesse),
deil Vater Davids, schlafend daliegen. Er
ist in grünes Unter- unb violettes Ober-
gewand gekleidet; alls feiner Brust geht
ein starker grüner Zweig hervor, in dessen
erster Nllndnilg man die hl. Jnngfrall mit
dem Kinde als Kniestück, in dessen zweiten
aber den Propheten Jsaias sieht,'mit der
einen Hand auf die hl. Jnngfrall hin-
weisend, mit der andern das Spruchband
haltend: „virgo concipiet“ (Js. 7, 14).
Die Komposition, ebenso sinnig als einfach
trägt die Ueberschrist: „Egredietur virga
de radice jesse“.

2. D i e Z u r ü ckweisu n g des
Opfers Joachims') geht im Tempel
vor sich, der, wie alle Architekturmalerei
alls unfern Bildern, im romanischen Stile
gehalten unb nur durch ein kleines Ge-
bälide angedentet ist. Hinter dem Altäre,
ans welchenl ein Kelch und ein anfge-
schlagenes Buch §u sehen sind, steht der
Hohepriester mit der bischöflichen Mitra
alls dem Hallpte, neben ihm sein Begleiter
mit einem Buche. Joachim hat eben das
Opfer, das ilicht wie gewöhnlich als Lamm,
sonderll als Tempelmünze gedacht ist, ans
beu Altar niedergelegt und ist im Begriffe,
wieder fort zu gehen. Da lvird er vom
Hohepriester mit der linken Hand zurück-
gehalteil, fein geopfertes Geldstück wieder
mitznnehmen. Man sieht, wie der Hohe-
priester liach den ans bem Altar liegenden
Geldstückeil greift, um sie Joachim wieder
eiilzuhändigen. Während die italienischeil
Maler dieseil Vorgang nleisteils lebhaft
schildern, ja mitunter sich zu Uebertrei-
hungell hinreißeil lassen, inbem Joachim
von einem Diener des Hohepriesterö förm-
lich hiilaliSgestoßeil wird — z. B. bei
Dom. Ghirlandajo in St. Maria Novella
zll Florenz —, sehen wir hier in Zell
den Vorgang mit größter Ruhe gegeben.

0 Bezüglich der apokryphischen Erzählungen
über Joachim und Anna verlveise ich ans meine
„Christliche Ikonographie", Herder, Freiburg.
2. Band, S, 68 ff. und alls „Archiv" 1891
Nr. 8, S. 74 ff.
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