Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 15.1897

Seite: 73
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Organ des Hottenburger Diözesan-Oereins für christliche Kauft.

percrnsgegeben mid redigirt von Professor vr. Aeppler in Frciburg.

Verlag des Rottenbnrger Diözesan-Kniistvereiiis,
für denselben: der Vorstand Pfarrer Detzel in St. (LhristiM-Ravensbnrg.

Erscheint monatlich einmal. Halbjährlich für M. 2.05 durch die wnrttenlbergischen (M. l.90
im Stuttgarter Bestellbezirk). M. 2.20 durch die bayerischen und die Nteichspostanstalten,

/-v fl. 1.27 in Oesterreich. Frcs. 9.40 in der Schweiz zu beziehen. Bestellungen werden rO/i»»
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von der Expedition des „Deutschen Volksblatts" in Stuttgart, Urbansstraße 94, zum
Preise von M. 2.05 halbjährlich.

Der romanische Kirchenbau.

Von Professor K e p p l e r.

(Fortsetzung.)

Es ist endlich gewiß auch noch keine
ü berspan nte phantastische Symboli sirsncht,
wenn man in der Gothik ein architektoni-
sches Abbild des Spiritnalismns des
Christenthnms selbst erblicken wollte, wenn
man in ihr dieselben Ideen und Stre-
bungen wirksam fand, welche als spezifisch
christliche Kräfte und Motore daö religiös-
moralische Leben der Menschheit umge-
staltcten und in die Höhe hoben, wenn
man den himmelan ragenden gothischen
Dom ein steinernes sursrim corcka nannte
und ihn durch den Glauben, der festen
Blickes nach oben schaut, durch das Heim-
weh nach dem Himmel, durch das Sehnen
nach Verklärung beseelt fand. „Wie das
Ganze in der aufstrebenden Bewegung
aller Theile und Glieder nur das in den
mannigfaltigsten Formen ausgeprägte Sinn-
bild ist von der tiefen Sehnsucht der Seele
nach jener innigen Einigung mit Gott,
welche von und in Christus als Ziel
alles irdischen Daseins hingestellt ist, so
erscheint jedes neue Thürmchen, jeder neue
Giebel, der dem Auge sich darbietet, wie
ein neues brünstiges Gebet, das bei jeder
neuen Wendung des Lebens dem gläubigen
Herzen entströmt. Und jedes neue, aus den
Thürmcheu und Giebeln hervorwachsende
Blüthenbüschel ist ein in Stein gehauenes
Allelnjah des Preises und Dankes für das,
was der Gott der Liebe nicht nur ver-
beißen, sondern auch hienieden schon ge-
währt hat. Und diese Jnbeltöne einigen
sich mit den sehnsüchtigen Wünschen und
strebenden Gedanken in jener mächtigen
Kreuzesblnme, welche, zugleich Kreuz
und Blume, zugleich Ziel der Bewegung

und über das Ziel hinansweisend, auf den
höchsten Spitzen ihre Blätter znm Himmel
emporstreckt. So verbinden sich Glaube
und Hoffnung, suchendes Verlangen und
Jubel des Besitzes und so erscheint daö
Ganze als das symbolische Abbild deS
Reiches GotteS." (Ulrici a. a. O.
S. 487.)

Derartige schöne Betrachtungen haben
gewiß ihre Berechtigung; man darf sie
nur nicht zu sehr ins einzelne verfolgen
und auf eine Spitze treiben, wo das Phau-
tasiren mit dem ruhigen Denken in Kon-
flikt kommt. So überschreitet z. B. Jnng-
mann die richtige Linie, wenn er nach
Friedrich v. Schlegel die Gothik um deß-
willen als das Ideal katholischen Kirchen-
baustils rühmt, weil Kreuz und Rose „die
Grundformen und Hanptsinnbilder dieser
geheimnißvollen Baukunst" seien und weil
das Kreuz das Zeichen des Gottmenschen,
die Rose das Zeichen der Gottesmutter
sei (Aesthetik, 2. A. 1886 II, 194 ff.);
Kreuz und Rose können wahrhaftig nicht
die Grundformen der Gothik genannt wer-
den und beide finden sich auch schon im
romanischen Stil. Und auch davor muß
man warnen, daß von diesen idealen und
symbolischen Betrachtungen nicht zuviel in
die Untersuchung über die Entstehung der
Gothik und die Ausbildung ihrer Phasen
eingetragen wird und man solchen Mo-
menten nicht zu sehr die Rolle der eigentlich
treibenden und gestaltenden Ursachen zu-
theile. Sie wirken freilich mit, aber mittel-
bar, unbewußt und unkontrollierbar, so
wie Sonnenschein und Regen mitwirkt
zum Wachsen und Blühen der Blumen.
Die unmittelbaren Ursachen, die nächsten
Triebkräfte der Stilbitdung itub Stil-
wandlung sind höchst reeller und praktischer
Natur, sind meist technischer Art. Nicht
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