Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 15.1897

Seite: 79
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reliefs findet man zwar noch das Kreuz
in seiner gewöhnlichen Gestalt, aber nir-
gends sieht man den Heiligen mit Nägeln,
sondern immer mit Stricken daran befestigt.
So anch in unserer Darstellung. Nock
sieht man zur Linken des Apostels zwei
Schergen damit beschäftigt, ihm Hand und
Fuß an das Kreuz zu binden, wahrend
rechts das bereits geschehen ist. Der
Heilige ist mit seinem grünen Unter-
gewande angethan und anch um den Leib
herum ans Kreuz gebunden. Zn seiner
rechten Seite sieht man eine Schaar
Volkes, wovon die beiden vorderen Ge-
stalten die Hände gefaltet haben; alle
aber erheben voll Ehrfurcht ihr Angesicht
zu dem Apostel, der noch vom Kreuze herab
zu dem Volke predigt.

4. S. Jakob ward ob der predig er-
schlagen.

Gemeint ist hier Jakobns d e r I ü n g e r e
(minor), nicht der Aeltere (major), der ent-
hauptet wurde und der in der gewöhnlichen
Neihenfolge der Apostel, wie sie der Canon
der heiligen Messe, der sehr alt ist, gibt,
diese Stelle einnehmcn sollte. Unser Maler
gibt die Neihenfolge ganz willkürlich.
Jakobns der Jüngere wurde jur Steini-
gung vernrtheilt und dieses Nrtheil gleich
Inmnltnarisch in der Nähe des Tempels
vollzogen. Da der Heilige bei der Stei-
nigung noch nicht den Tod fand, so brachte
ihn ein Walker mit seiner Stange vol-
lends um. Dieses Ereignis seines Mar-
tyriums wird von den Malern meistens
buchstäblich wiedergegeben. Jakobns fällt
auf den Erdboden oder ist bereits auf
denselben hingesnnken und einer ans dem
Pöbel hebt den Knittel ans, um ihn zu
erschlagen. In cyclischen Darstellungen
bildet aber ein Balkon des Hofes mit-
unter anch die Kanzel, von der der Hei-
lige herabgeworfen wird. Und diese Anf-
fassnng haben wir hier in Zell. Wir sehen
eine Art Balkon, die Kanzel vorstellend,
von der der Apostel von einem Schergen
an den Haaren herabgezerrt wird, um
dann mit der Walkerstange erschlagen zu
werden. Um diese Todesart anzndenten,
trägt darum der Scherge in seiner Linken
eine Walkerstange (das Attribut anch des
Heiligen), die, anc hier wenigstens am
oberen Teile sichtlich, im Mittelalter ge-
wöhnlich die Form eines Geigenbogens hat.

Hinter dem sich bereits über die Kanzel-
brüstnng beugenden Apostel steht ein
zweiter Scherge, der mit einer Keule ans
ihn einschlägt und beim Herabstürzen be-
hilflich ist. Unten am Fuße der Kanzel
sieht man zwei dasitzende Gestalten, eine
männliche und eine weibliche, mit gefal-
teten Händen und den Blicken nach oben.
Sie sollen offenbar das Volk repräsen-
tieren, das soeben noch mit Andacht der
Predigt des heiligen Apostels zngehört hat.

5. Sanctus Johannes ward im
oel gesote.

Hier ist das Martyrium des hl. Jo-
hannes Evangelisten vorgeführt, wie er
nämlich ans Befehl des Kaisers Domitian
in einen Kessel voll siedenden Oels ver-
senkt wurde. Es fand dies nach der ge-
wöhnlichen Tradition außerhalb des latei-
nischen Thores (Porta Latina) zu Rom
statt. Man sieht den jugendlichen, zarten
Leib des heiligen Lieblingsjüngers des Herrn
bis zu den Hüften in eine Oelknfe ver-
senkt, die Hände zum Gebet oder znm
Lobpreise Gottes ansgestreckt. Ein Pei-
niger schürt an dem unter der Kufe bren-
nenden Feuer, ein zweiter gießt siedendes
Oel über das Haupt des Heiligen und
ein dritter ist im Begriffe, ihn mit einer
Zange zu peinigen. All' diesem gräß-
lichen Treiben sieht links ein wahrschein-
lich von Domitian beauftragter Richter
in prachtvollem Gewände mit seinem Diener
zur Seite, in größter Ruhe zu.

6. Sanct thomas ward von rnk-
warts erstochen.

Nach der Tradition soll der hl. Thomas
bis nach Indien gekommen sein, dort eine
Kirche gegründet und den Martertod er-
litten haben, und zwar soll er am Fuße
eines Kreuzes, welches er errichtet habe,
mit einer Lanze durchbohrt worden sein.
Die treffliche Komposition seines Martv-
rinms hier in Zell enthält zwei Vorgänge:
vom Beschauer ans rechts gesehen steht
der Heilige mit ansgebreiteten Händen da,
in rothes Ober- und grünes Untergewand
gekleidet und eS wird ihm eben von einem
Schergen mit aller Gewalt ein breites
Schwert in den Rücken getrieben, so daß
er daran ist, znsammenznbrechen. Links
ist eine Säule anfgerichtet, ans deren
Kapitäl eine Thiergestalt steht; vor dieser
Säule ist das Volk betend in die Kniee
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