Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 15.1897

Seite: 80
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gesunken, allen voran der indische König
mii seiner Gattin, offenbar dem Götzen-
dienste huldigend, gegen den der Heilige
gepredigt hat.

7. Sauet Philippus ward ge-
krneziget nn verstainet.

Wie daS Evangelium über den heiligen
Apostel Philippus nur wenig erzählt, so
ist auch die Tradition über ihn nicht reich.
Nach letzterer hat er zu Hierapolis in
Phrygien die Lehre Jesu verkündigt und
die Einwohner von der Verheerung durch
ein Ungeheuer befreit. Die Priester dieses
Drachen aber wurden wider ihn ausge-
bracht, ergriffen itub kreuzigten ihn und
warfen ihn, während sie ihn kreuzigten,
mit Steinen. Diese Scene haben wir
hier in unserem Kirchlein, aber in der
denkbar einfachsten Weise gegeben. Die
Mitte nimmt der Heilige ein, der bloß
mit den Händen ans Kreuz genagelt ist,
während die Füße frei herabhängen; den-
noch aber macht er mehr den Eindruck eines
am Kreuze Stehenden als Hängenden.
Er trägt ein hellblaues, bis an die Knöchel
reichendes Gewand mit langen Aermeln,
das an den Lenden gegürtet ist und sieht
so den sogenannten St. Wilgesortis-
bildern nicht unähnlich. Zur Rechten und
Linken steht je ein Scherge, der den Apostel
mit Steinen bewirft, während ein dritter,
eine possierlich gezeichnete Figur, Steine
vom Boden aufhebt. Wir sehen hier also
seine Kreuzigung in gewöhnlicher Weise,
sowie Christus gekreuzigt, dargestellt, nicht
wie manchmal, z. B. au einem Grabmal
in S. Maria Trastevere zu Rom, mit
dem Kof nach unten.

8. Sanct ma th e ns ward ob dem
altar mit einem schwert erstochen.

Mit diesem Martyrium des hl. Apostels
und Evangelisten Matthäus beginnt die
zweite Reihe unseres Bildercyklns. Der
Heilige mit langer Albe und einer violetten
Casula angethan, steht an einem Altar,
auf dem mau aus ausgebreitetem Corpo-
rate den Kelch stehen itub nebenan das
anfgeschlageue Missale liegen sieht; noch
ein zweiter Kelch steht weiter rechts und
etwas rückivärts. Der Apostel ist, wie
es scheint, eben im Begriffe die Conse-
kration cinznleiten und erhebt segnend die
Rechte über die Gestalten und spricht die

Worte: ,,Hanc igitur etc.“. Da wird er
von einem Schergen mit einem gewaltigen
Schwelte rückivärts durchstochen. Eig'eu-
thümlich ist die weibliche Gestalt hinter dem
Heiligen, die, wie es scheint, ihm ein Birret
aiif das Haupt zu setzen im Begriffe steht.
St. Matthäus ist gemäß der Legende nach
der Zerstreuung der Apostel nach Aegypten
und Aethiopien gegangen und hat dort
daö Evangelium gepredigt, zwei schreckliche
Zauberer überwunden, den Sohn des
Königs von Aethiopien vom Tode erweckt
und dessen Tochter vom Anssatze geheilt.
Es ist nicht unwahrscheinlich, daß die
weibliche Figur die ägyptische Königs-
tochter sein soll, •— aber was der Maler
damit andenten will?

9. S t. b a r t h o l o m äns ward ge-
schnde vn er bekert das klaine land Pndiam.

Rach der Tradition kam der Apostel
Bartholomäus bis nach Indien, von hier-
nach Lykonien und Armenien, >vo er durch
die Bekehrung des Königs Polvmins, seiner
Gemahlin und zahlreichen Volkes in zwölf
Städten den Grimm des tyrannischen Astya-
ges, eines heidnisch gebliebenen Bruders
des Königs, erregte, so daß dieser ihm
die Haut abziehen unv das Haupt ab-
schlagen ließ. Erstere gräßliche Prozedur
findet sich hier in Zell abgebildet rrnd
zwar irr ziemlich ungemilderter Form: der
Heilige liegt auf einer niedrigen Bank
ansgestreckt und zwei Schergen ziehen ihm
die Haut von den Händen ab, wobei einer,
wie die Metzger zu thuu pflegen, um beide
Hände frei zur grausamen Arbeit zu haben,
fein Messer im Munde hält; ein driiter
beginnt eben sein Messer am rechten
Schenkel anznsetzen. Zur Seite steht der
Tyrann mit einem Begleiter und ermuntert,
wie es scheint, die Schergen in ihrem
blutigen Handwerk. Darstellungen aus
dem Leben des Heiligen sind in der mit-
telalterlichen abendländischen Kunst höchst
selten und es steht dieses Bild seines
Martyriums in Zell ans dieser Zeit
wohl als ein Unikum da; erst die Maler
des 17. Jahrhunderts haben angefangen,
auch sein Martyrium darznstellen und fanden
hier die Naturalisten, besonders der Spanier-
Giuseppe de Ribera, ein Thema, in welchem
sie ihre Vorliebe für die Schreckensscenen
der Martyrergeschichten znm Ausdruck
bringen konnten und zwar mitunter in
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