Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 15.1897

Seite: 86
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nämliche Anordnung der Fenster bleiben
maßgebend unter allen Wandlungen des
Stils. . . . Der geniale Gedanke, ans
dem die Basilika geboren worden war,
und der selbst seinen Ursprung tief im
Geiste der alten Kirche besaß, hat ein
Jahrtausend hindurch seine alte Lebens-
kraft bewährt. Dies verdankt er freilich
nicht allein und nicht vorzüglich seinem
inneren Werte, sondern auch dem Umstande,
daß er eben römisch war. Durch die
Macht der antiken Knltnrüberliefernngen
wurde er wie ans weltgeschichtlichen Flü-
geln wcitergetrageu. Selbst dort, wo
man lute in Südsrankreich frühzeitig das
Wagniß der Ueberwölbnng unternahm, ist
die Architektur der Römer Führerin ge-
blieben: das Kuppel- und Tonnengewölbe
ward ihr entlehnt." Es parlicipirt in
der Thal der romanische Kirchenban an
der unvergänglichen Größe der allklassi-
schen Kunst und an der Würde und
Majestät der altchristlichen Basilika, deren
Struktur er rhythmisch durchbildet, deren
Elemente und Formen er zu einem neuen
harmonischen Ganzen verbindet.

Im Besitze jener Tugenden kann der
romanische Stil auch uicht symbolisch
nichtssagend und bedeutungslos genannt
werden. Er prägt so gut den Charakter
deö Christenthumö ab wie der gothische,
nur nach einer anderen Seite, und in
in einer anderen Weise. Ist die Gothik
mehr das Abbild der lichten, tröstlichen
erhebenden Momente des Christenthums,
so wird die Romanik zum steinernen Sym-
bol seiner ernsten, furchtbaren, beugenden,
erschütternden Wahrheiten. Spricht die
Gothik mit tausend Zungen zur Phan-
tasie und erst durch die Phantasie zu Ver-
stand und Herz, so redet der Lapidarstil
der romanischen Formensprache erschütternd
zum Gemülh und zum Willen. Predigt
die Gothik: sursum corda, so ruft die
Romanik: humiliate capita vestra deo;
predigt die Gothik Anfstrebeu zum Himmel,
Emporhebnng des Erdcnlebcus in lichte
Höhen der Verklärung, so predigt die
Romanik Buße, Verdcmüthigung, Einkehr
in sich selbst, Unterwerfung unter die Ank-
torität des Glaubens und der Kirche, Ab-
tödtung, Entsagung als einzigen Weg nach
oben imb zum Heile.

Die eine Predigt ist so gut christlich

und notwendig wie die andere; der eine
Stil kirchlich wie der andere; der gothische
der künstlerisebeu Ausbildung und Ent-
wicklung nach höher, der romanische künst-
lerisch und ästhetisch vollbefriedigend,
wenn in einigen Punkten im Nachtheil, so
in anderen wieder eher im Vorzug. Kann
man bei solcher Sachlage den gothische»
Stil für allein berechtigt erklären, den
romanischen verbieten? Ja, man ist hiezu
befugt, wird geantwortet. Denn wenn
wir einmal Zwangsantehen bei der Ver-
gangenheit machen müssen, wenn wir, eines
eigenen entbehrend, den Stil für unser
kirchliches Banen ihr entnehmen müssen,
so haben wir offenbar jenen zu wählen,
welcher mit deni Geiste der Gegenwart sich
am nächsten berührt und am fähigsten ist,
den Ausgangspunkt für eine gesunde Fort-
entwicklung zu bilden.

In einer sehr geistvollen, anregenden,
freilich in manchen Punkten auch den
Widerspruch rufenden Betrachtung, welche
wir unser» Lesern zur Lektüre empfehlen,
entwickelt Schrörs (Zeitschrift IX, 242ff.)
folgende Gesichtspunkte zu Gunsten der
Alleinberechtigung des gothische», bezw.
srühgothischen Stils. Schon zeitlich sei die
Gothik uns näher gerückt als die Romanik
und sie könne daher eher das Fundament
bilden, ans welchem fortznbanen. Sie sei
das höchste und reinste Erzengniß der
mittelalterlichen Kirchenbaukunst und ein
Zurückgreisen aus diese sei doch allgemein
als nothwendig zugestaudeu. Das endende
12. und 13. Jahrhundert, deren innerstes
Denken niib Trachten in der gothische»
Architektur verkörpert sei, biete, entwick-
lnngsgeschichtlich betrachtet, eine über-
raschende Aehulichkeit mit der Gegenwart
in kultureller und namentlich auch in
sozialer Hinsicht. Wenn man heutzutage
durch Transfusionen aus der thomistischen
Philosophie und Theologie der kirchlichen
Wissenschaft neues Lebensblnt in die Adern
gießen wolle, so liege es nahe, die kirch-
liche Kunst anfzunähreu aus der mit der
Scholastik gleichzeitigen und congenialen
Gothik. „Kirchliche Wissenschaft und Kunst
sind Zwillingskinder Einer Mutter und
lassen sich nicht trennen. Wer die ge-
schriebene Summa des Agninaten für
unsere Zeit als maßgebend hinstellt, wird
die steinerne Summa der gothische» Bau-
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