Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 15.1897

Seite: 88
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mit Staunen itnb scheinbar znrnckweichend
den eigenthümlichen Erfolg seiner blutigen
Arbeit an. Nicht minder verblüfft steht
auch der Tyrann da, ebenfalls dem wnnder-
baren Vorgänge znsehend. Was die Le-
gende betrifft, wonach der Heilige nach
feiner Hinrichtung das Haupt anfgenonnnen
und Line Strecke iveit getragen hat, so
kommt das bei einer Anzahl auch anderer
Märtyrer vor, z. B. bei beit Heiligen
Ehrysolins, Cnlhbert, DecnmannS, Diony-
sius, Ernperins, Felip und Regula, Fir-
ininns n. a. Man nimmt gewöhnlich an,
daß die Legende gerade ans derartigen
bildlichen Darstellungen entstanden sei.
Die Blutzeugen wurden ja von der christ-
lichen Kunst gerade deshalb mit ihren
Attributen ansgestattet und tragen dieselben
gerade deshalb in den Händen, um sie
Gott gleichsam vorznweisen. In der gleichen
Absicht, meint Brüssel I, habe man Heilige,
welche durch Enthauptung endeten, ihr ab-
geschlagenes Haupt Gott darbietend dar-
gestellt.

2. Sanctus S t e p h a n n s ward ver-
stainet vn er sach in den Himmel vnd got
der trost in.

Wir haben hier die größte und vielleicht
auch die trefflichste all' der vielen Kom-
positionen in dem Kirchlein zu Zell vor
1111 ö, die schon einen ganz gewandten
Meister voraussetzt. Der Maler hat hier
ans dein Leben des hl. Stephan diejenige
Begebenheit genommen, welche am öftesten
in seinen Darstellungen erscheint, nämlich
seine Steinigung. In der Mitte des Bildes
kniet der Heilige mit znm Gebet ansge-
breiteten Händen da, eine jugendliche Ge-
stalt mit mildem, schönem Angesichte, im
Gewände eines Diakon mit der carmoisin-
rothen Dalmatika. Zwei Peiniger werfen
mit aller Gewalt Steine ans ihn, ein
dritter liest solche vom Boden ans. Mehr
rückwärts steht der die Handlung leitende
Tyrann mit seinen Gefährten, welche dem
Martyrium znschanen. Der Heilige blickt
gegen den Hinnnel, von dem herab links
oben im Brnstbilde und mit Wolken um-
geben Christus mit ansgebreiteten Händen

2 Die Verehrung der Heiligen und ihrer
Reliquien in Deulschtaud während der zweiten
Hellste des Mittelallers. Freibnrg. Herder
1892. S. 81.

erscheint (Ecce video caclos apertos
et Filium hominis stantem a dextris
Illei, Act. 7, 55j.

3. Stephanus aute plenn gra et
fortitudine faciebat pdygia t sig magna
i populo (Stephanus aber voll Gnade und
Kraft that Wunder und große Zeichen
unter dem Volke, Apostelg. 6, 8) lautet
die Inschrift des zweiten Bildes vom
hl. Stephanns. Es ist eine eigenthüm-
liche aber interessante Darstellung, worin
wir die Wirksamkeit des Heiligen gleich-
sam noch nach seinem Tode erzählt sehen,
wo sein Patronat über die Pferde
zur Anschauung kommt. Der hl. Stephanus
ist nänilich Patron der Pferde; in alten
Kalendern heißt der St. Stephanstag auch
der große Pferdstag mib die Landlente
opferten an seinem Tage so viele Kerzen,
als sie Pferde besaßen. Heute »och herrscht
in einigen Orten auch des württeinbergisehen
Allgäncs B. in Eisenharz, OA. Wangen)
der Brauch, daß gewöhnlich junge Burschen
am St. Stephanötage dreimal um eine
Kapelle hernmreiten, welche entweder dem
Heiligen geweiht ist oder die ein Bild von
ihm, sei es in Malerei oder Plastik, ent-
hält. Nach dem dritten Umritte steigen
die Reiter ab und opfern in der Kapelle
entweder eine Kerze oder werfen ein Geld-
stück in den Opferstock. Ganz ans diesem
schönen Branche heraus ist offenbar unsere
Darstellung entstanden. Wir sehen den
Heiligen vor dem Eingänge einer Kapelle
mit romanischem Portale stehen, angelhan
als Diakon mit Albe und rother Dal-
matika. ES nahen sich vier Reiter, von
denen der vorderste schon unmittelbar vor
dem Heiligen angclangt ist; sein krankes
Pferd hat den vorderen rechten Fuß ver-
bunden und der Reiter erhebt sprechend
seine Rechte, offenbar den Heiligen um
seine Fürbitte anzngehen, der seinerseits
ebenfalls seine Rechte segnend gegen das
kranke Pferd erhebt. Zur Linken des
hl. Stephan sieht man einen festen, mit
Eisen beschlagenen und mit einem ge-
waltigen Markt schloß versehenen Opfer-
stock, in den ein Mann ein Geldstück wirft.
Der ganze Vorgang ist vom Meister un-
gemein naiv und ansprechend anfgefapt
und gegeben und man vergißt gerne die
zeichnerischen Mängel in der Ausführung
und die Schwierigkeit, welche sichtlich der
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